Chrome OS
Einige schnelle Gedanken zur Pressekonferenz:
Das Neue an Googles Betriebssystem scheint mir in der fast völligen Fremdbestimmtheit des Betriebssystems zu liegen: Es kann vom Benutzer nicht verändert werden, denn er hat unter keinen Umständen Schreibzugriff. Es wird aus der Ferne vollautomatisch gewartet und aktualisiert. Beim Booten wird überprüft, ob das OS kompromittiert wurde – wenn ja, setzt eine automatische Systemwiederherstellung ein. User dürfen keine Treiber auswechseln oder nachinstallieren, keine Textdateien konfigurieren, nichts an den Sicherheitseinstellungen ändern, geschweige denn Google die Kontrolle über das System entziehen.
Für die meisten Benutzer dürfte dies kein Verlust sein. Sie wollen ein funktionierendes System, und delegieren gerne die Verantwortung dafür an Andere. Für mich wäre das durchaus eine Entlastung, weil dadurch der Betreuungsaufwand bei Bekannten deutlich sinken würde.
Ob sie auch die Verantwortung für die Speicherung aller ihrer persönlichen Daten an Webdienste wie Google Mail, Flickr etc. delegieren sollten – nun ja. Dies bedeutet, dass die Verantwortung für die Sicherheit der eigenen Daten vollständig an Webanbieter übertragen wird, die oft selbst in Sicherheitsfragen überfordert sind, und deren Absichten man nicht trauen muss. Für manchen Endanwender mag es ein Vorteil sein, dass die Polizei sich direkt an Cloud-Services wenden kann und den eigenen Rechner vielleicht nicht mehr mitnehmen muss – das kann Kosten sparen.
Die Wartung von Betriebssystemen ist nach wie vor entweder ein Hobby oder eine Qual. Für OS-Nerds ist Chrome OS nichts, denn sie können an dem System nicht mehr herumbasteln, und sie trauen dem Web ohnehin nur nach massiven Sicherheitsmaßnahmen über den Weg. Für den Rest wird Chrome OS wohl eine attraktive Zukunft sein.
Ich glaube nicht an dauerhaften Schutz meiner Daten vor staatlichem oder kommerziellem Zugriff. Wer seinen Rechner erfolgreich abgeschottet hat, wird von Strafverfolgungsbehörden halt auf anderem Weg unter Druck gesetzt werden, das Verschlüsselungspasswort herauszurücken. Interessanter als der Kampf um den Datenschutz wird der um Transparenz auf allen gesellschaftlichen Ebenen sein, und für den ist Chrome OS ohnehin irrelevant.
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(siehe auch You hide, they seek)
Dann doch lieber dichten?*
Bei einem Text der „Jungen Linken“, der so beginnt:
>>Der folgende Text ist das Diskussionsresultat eines Kapitalkurses bei junge linke. Auch hier geben wir uns Mühe den Inhalt möglichst in verständlicher Form aufzuschreiben. Allerdings wird jemand, der in das Kapital von Marx noch nicht reingelesen hat, wahrscheinlich Mühe haben, den Inhalt und die Kritik zu verstehen. Das soll nicht schrecken, die restlichen Texte auf der homepage anzuschauen, welche häufig voraussetzungsloser zu verstehen sind. Das soll weiter nicht schrecken, sondern hoffentlich anregen, den blauen Band von Marx einmalgenauer zu studieren und/oder mit uns in Diskussion zu treten<<,
überrascht es wenig, gegen Ende zu lesen:
>>Er [der von der Jungen Linken kritisierte Michael Heinrich, vr] weigert sich den Wert als Eigenschaft der Ware als Ergebnis des ersten Unterkapitels festzuhalten.<<
Wie sieht das bloß aus, wenn sich die „Junge Linke“ mal keine Mühe beim Aufschreiben eines Diskussionsresultats gibt?
Sportsgeist
Eine kleine Geschichte der Boykotte und Nichtantritte bei Tischtennisweltmeisterschaften. Wie nicht anders zu erwarten, ist Israel am stärksten betroffen. Neben arabischen und muslimisch geprägten Ländern ist Indien dabei besonders hervorgetreten, das der israelischen Mannschaft gleich zweimal die Einreise verweigerte. Indien war sich sogar mit Pakistan darin einig, 1989 nicht gegen die israelische Mannschaft anzutreten. Im Folgenden die relevanten Passagen aus Wikipedia:
>>1959: Südafrika war nicht vertreten. Die Regierung von Südafrika verweigerte die Ausreisegenehmigung, weil Farbige in der Mannschaft eingesetzt werden sollten.
1967: Wegen der Kulturrevolution in China nahmen keine Sportler der Volksrepublik China an den Titelkämpfen teil.
Ursprünglich war die Austragung der WM nach Melbourne (Australien) vergeben worden. Allerdings hatte es die australische Regierung bereits im Vorfeld abgelehnt, die Einreiseerlaubnis für alle Nationen zu garantieren. Insbesondere wegen des Vietnamkrieges wollte die australische Regierung Sportlern aus Nordvietnam eventuell die Einreise verweigern. Daraufhin beschloss der ITTF 1966, die WM nicht in Melbourne auszurichten.
Die Regierung von Südafrika zog den Pass des Präsidenten des Südafrikanischen Tischtennisverbandes C.M.Bassa ein und verhinderte somit dessen Teilnahme am ITTF-Kongress in Stockholm.
1971: China verbot seinen Spielern, gegen Aktive aus Südvietnam oder Kambodscha anzutreten. Aus diesem Grunde schied Chuang Tse-tung in der 2.Runde des Herreneinzels kampflos aus. Auch die Chinesin Lin Mei-chun trat in der ersten Runde des Dameneinzels gegen Tan Sok Chen (Kambodscha) nicht an.
1975: Aus politischen Gründen wurde Israel und Südafrika das Einreisevisum [nach Indien] verweigert.
1977: Kenia boykottiert die WM gemäß einen Beschluss der Organisation für Afrikanische Einheit OAU, weil an der WM Länder teilnehmen, die mit Südafrika sportliche Kontakte unterhalten.
Der Chinese Wang Chun weigerte sich, gegen den Israeli Shlomo Mendelson im Herreneinzelwettbewerb anzutreten. Er wurde deshalb disqualifiziert. China boykottierte Israel, mit dem es damals keine diplomatischen Beziehungen unterhielt.
1979: Nordkorea verweigerte den Mannschaften von Israel und Südkorea die Einreise. Überlegungen der anderen Teilnehmer, die Weltmeisterschaft zu boykottieren oder zu einem „Weltturnier“ herabzustufen, fanden keine Mehrheit.
1983: Israel war diesmal bei der WM dabei, allerdings gab die Mannschaft von Pakistan gegen Israel die Punkte kampflos ab. Auch ein Doppel aus Marokko und eines aus Ägypten verweigerten den Kampf.
1987: Den Spielern aus Israel wurde aus politischen Gründen kein Einreisevisum [wieder nach Indien] erteilt, sie konnten daher nicht teilnehmen.
1989: Die Mannschaften von Pakistan und Indien weigerten sich, gegen die Mannschaft von Israel anzutreten.
1997: Die Mannschaften von Qatar, Iran und Algerien traten gegen Israel nicht an. Manche vermuteten politische Gründe [!].
1999: Die niederländische Regierung verweigerte den jugoslawischen Aktiven wegen des Krieges in Jugoslawien das Visum. Lediglich Slobodan Grujic konnte wegen des Schengener Abkommens einreisen, da er in Deutschland wohnte.
2003: Die Spieler Hani Al-Hammadi (Jemen) und Nabeel S Al-Magahwi (Saudi Arabien) wurden vom Weltverband ITTF für den Rest des Jahres 2003 disqualifiziert, weil sie nicht gegen den Israeli Gay Elenski antraten.<<
Klimawandel und Trittbrettfahrer
>>Was hält Nationen von Anstrengungen ab, ein globales Desaster wie den Klimawandel zu vermeiden?
Scott Barrett hat vier auf den ersten Blick sehr einleuchtende Gründe angeführt: Klimawandel führt nicht zur Auslöschung der gesamten menschlichen Spezies, die Länder werden unterschiedlich davon betroffen sein (und einige glauben, davon profitieren zu können), Klimaschutz ist extrem teuer und zieht Ressourcen von anderen Gütern ab (darunter Katastrophenschutz), und schließlich: Wo alle mitwirken müssen, benehmen sich viele als Trittbrettfahrer. Vor allem dieses bisher aus dem Alltagsleben bekannt „free rider“-Problem ist bisher nicht gelöst. Es entstand, weil die Umwelt (hier die Atmosphäre und die Ozeane) als „Allmende“ betrachtet wurde, an der sich alle, vor allem die Industriestaaten, reichlich bedient haben, ohne für die Nachhaltigkeit der öffentlichen Güter zu sorgen. Auch wenn ein virtueller Klimasuperstaat der CO2- Reduzierer ein Gesamtinteresse sicherstellen wollte, könnte er niemanden von der Nutzung ausschließen, so dass Schwarzfahrer von der Verringerung der Emissionen profitieren, ohne dafür bezahlt zu haben.<< (Aus: Welzer/Leggewie, Das Ende der Welt, wie wir sie kannten, S. 166)
Anmerkungen zur Bundestagswahl
1. Wieder einmal wird die deutsche Regierung von den Parteien gestellt, die nach dem deutschen Vernichtungskrieg die meisten ehemaligen NSDAP-Mitglieder im deutschen Bundestag untergebracht hatten.
2. Auch wenn es politisch nicht von größerer Bedeutung sein wird, kann ich eine gewisse Befriedigung über den Absturz der SPD (19,9% wären besser gewesen) nicht verhehlen. Die Skrupellosigkeit, mit der der damalige Vorsitzende Kurt Beck wegmobbt worden war (die damaligen Umfragewerte für die Partei wurden von seinen Nachfolgern gestern kongenial ins endgültige Wahlergebnis überführt) mag einigen Wählern noch einmal vor Augen geführt haben, was von dieser Partei am wenigsten zu erwarten ist – Solidarität. Wer schon mit den eigenen Leuten so umspringt, der wird auch gegenüber Anderen wenig Gnade kennen. Immerhin sind in Becks Bundesland Rheinland Pfalz keine generellen Studiengebühren eingeführt worden, und der Kindergartenbesuch ist dort ab September 2010 kostenlos. Kaum jemand würde von seinen Nachfolgern im Bund Vergleichbares erwarten.
3. Dass selbst eine rot-grüne Regierung in Sachen CO2-Ausstoß keine größeren Änderungen durchgesetzt hätte, ist aus den Erfahrungen zwischen 1998 und 2005 evident.
4. Rhetorik: Ich frage mich, wie viele Jahre man es noch für eine gute Idee halten wird, zur Rechtfertigung von Niederlagen zu erzählen, man habe es nicht geschafft, die supertollen eigenen Pläne der Bevölkerung richtig zu vermitteln. Den Trick müsste mittlerweile wirklich jeder kennen.
5. Bleibt noch, sich zurückzulehnen und zu warten, bis die FDP trotz derzeit gegenteiliger Beteuerungen die ersten Steuer- und Abgabenerhöhungen durchwinkt. Die älteren FDP-Mitglieder werden das noch von ihrer letzten gemeinsamen Regierungstätigkeit mit der CDU kennen, als die Lohnnebenkosten anstiegen, statt zu sinken. So wie linke und halblinke Parteien solange gegen Kriege sind, bis sie selbst welche führen können, ist die FDP solange gegen Steuererhöhungen, bis sie selbst welche beschließen kann. Neben traditionellen Rechtfertigungen (Haushaltsloch größer als bekannt, natürlich von der SPD verschuldet) bietet sich die Finanzkrise natürlich an.
6. Nein, ich war nicht wählen.
