Volker Radke

…bis man ihr das anmerkt

Gut informiert

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Martin Walser:
>>Die Deutschen haben ‘Mein Kampf’ nicht gelesen, und niemand wußte, dass Hitler ein solcher Antisemit ist.<<

Per Hinrichs, Spiegel Online:
>>…Zu einem ganz anderen Ergebnis kommt nun der österreichische Historiker Othmar Plöckinger, der die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Buches detailliert untersucht hat. Systematisch legt Plöckinger dar, wie Hitler selbst den Mythos des Schinkens als „Bibel“ seiner Bewegung betrieben hatte und welche große Resonanz „Mein Kampf“ in Feuilletons, Parteien, Kirchen und Gewerkschaften Ende der zwanziger Jahre bis 1933 fand. Sein Fazit: Dass die Deutschen den Inhalt des Wälzers nicht kannten, sei eine der „hartnäckigsten Verallgemeinerungen und Fehleinschätzungen zur Geschichte des Nationalsozialismus“.

Bereits kurz nach Erscheinen des ersten Bandes 1925 zählt Plöckinger Dutzende Besprechungen im ganzen Land. Zufrieden konnte Hitler mit den Urteilen aber nicht sein: Durchweg erhielt er schlechte Kritiken; viele Rezensenten, wie der des „Bayerischen Vaterlands“, machten sich über ihn lustig („Sein Krampf“). Das „Berliner Tagebuch“ äußerte „leichte Zweifel an der geistigen Intaktheit des Memoirenschreibers“, die „Frankfurter Zeitung“ überschrieb ihren Text mit „Erledigung Hitlers“. Doch damit blieb das Buch im Gespräch, wenn auch eine tiefergehende ideologische Auseinandersetzung ausblieb.

Ab 1930, mit zunehmendem Erfolg der NSDAP bei den Reichstagswahlen, änderte sich der Blick auf „Mein Kampf“. Der Spott wich Beschreibungen von Hitlers Lebensweg und Programm. „Je intensiver die publizistische Beschäftigung mit ‘Mein Kampf’ wurde, desto mehr verbreitete sich auch das allgemeine Wissen um die Inhalte des Buches“, stellt Plöckinger fest. Zumal sich auch Kirchen, Gewerkschaften und Parteien in ihren Blättern und Zeitschriften immer wieder mit der NS-Bibel beschäftigten.

Gerade die evangelische Publizistik nahm sich durchaus wohlwollend des Buches an. So pries der Pfarrer Hermann Kremers auf der Generalversammlung des „Evangelischen Bundes“ 1931 den Nationalsozialismus als „Bewegung von solchem Tiefgang, solcher Breite und solch idealistischer Höhenlage“, wie sie die deutsche Geschichte noch nicht erlebt hätte. Widerspruch zog Kremers nicht auf sich.

Kurz darauf setzte der Pastor Helmuth Schreiner in seiner Broschüre „Der Nationalismus vor der Gottesfrage“ noch eins drauf: „Der Kampf um Gesundheit des Blutes und Reinheit der Rasse ist also vom christlichen Glauben her gesehen ein Gottesbefehl“, schwadronierte der Theologe. Und der NS-Parteigänger Pfarrer Wilhelm Meyer schwärmte in seinem Pamphlet „Nationalismus und Christentum“, er „danke Gott für die Stunden, in denen ich Adolf Hitlers Buch ‘Mein Kampf’ studieren konnte“.

Die Deutschen wollten aber nicht nur durch die zahlreichen Diskussionen in den Zeitungen informiert werden. Sie kauften das Buch in Massen, ehe Hitler an die Macht kam. Bis Januar 1933 ging die Autobiografie 241.000 Mal über den Ladentisch, insgesamt wurden in diesem Jahr etwa eine Million Exemplare verkauft – lange bevor der NS-Staat die Volksgenossen mit Freiexemplaren zur Eheschließung oder für den Fronteinsatz beglückte.

In den öffentlichen Bibliotheken war „Mein Kampf“ ein Renner, viele Büchereien mussten mehrere Exemplare vorhalten. In Essen etwa wurde das Buch allein bis 1937 etwa 4000 Mal ausgeliehen, in der Bücherhalle des Hamburger Stadtteils Eppendorf führte es ebenfalls die Ausleihlisten an…<<

Geschrieben von Volker Radke

Dienstag, August 29, 2006 um 7:44

Veröffentlicht in Politik

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