Volker Radke

…bis man ihr das anmerkt

Naziinterview

mit 14 Kommentaren

Stefan Niggemeier in der FAZ über eine so unbeabsichtigte wie kostenlose Wahlwerbung des Bayerischen Rundfunks für die NPD:

Ein andermal sagte Keller-May: „Herr Roßmüller, wir sind schon wieder bei dem Punkt, wo ich sag’: Klingt toll, ich hab’ wieder den Eindruck, wir reden von zwei verschiedenen Parteien.“ Bevor der BR-Mann „klingt toll“ sagte, hatte der Neonazi gefordert, weniger Geld für Aufklärung über Rechtsradikalismus in den Schulen auszugeben. Mutig empörte sich Bachmann, dass die NPD in ihrem Wahlprogramm behaupte, die Arbeitslosenquote liege in Bayern um sieben Prozent: „Jetzt ist das aber nachweislich falsch, denn die Arbeitslosenquote liegt in Bayern bei 3,9 Prozent.“ Na, da ahnt man, warum die Partei vom Verfassungsschutz beobachtet wird: Sie übertreibt die Arbeitslosenzahlen…

Selbst Nazis zeigten sich von der Unfähigkeit der BR-Interviewer überrascht.

Warum Interviews mit Nazis im Fernsehen auch dann keine gute Idee sind, wenn sie besser laufen, habe ich hier und hier versucht zu erklären.

Geschrieben von Volker Radke

Dienstag, September 23, 2008 um 9:27

Veröffentlicht in Politik

14 Antworten

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  1. Den Rechten im TV keine Plattform bieten? Ich denke diesen Topos gibt es auch nur in Deutschland. In anderen Ländern zoffen sich Kommunisten, Islamisten und Faschisten ganz offen in Diskussionsrunden. So werden sie dann auch vorgeführt und der Bürger kann sehen woran er bei diesen Leute ist.
    Von mir aus können auch Nazis im TV auftreten, so würden sie sich sehr schnell entmystifizieren.

    serdargunes

    Sonntag, November 16, 2008 um 1:34

  2. Wenn das „Entmystifizieren“ denn funktionieren würde, hätte ich damit zwar immer noch Probleme, könnte aber eine Kosten-Nutzen-Abwägung nachvollziehen. Die von mir hier und in den Links beschriebenen Beispiele zeigen jedoch, dass es in Deutschland meist nicht klappt.

    Ich kann mich nur an ein glimpflich gelaufenes Interview von Küppersbusch mit Schönhuber erinnern, doch selbst Küppersbusch hatte danach Zweifel, ob er die Wähler der Republikaner mit solchen „Entlarvungsgesprächen“ erreichen kann.

    volkerradke

    Sonntag, November 16, 2008 um 10:10

  3. Ich habe einige Jahre in der Türkei bei meinen Eltern verbracht. Da konnte ich den Unterschied zu Deutschland ganz gut sehen. Das Land hat wirklich viel aufzuholen, was Menschenrechte betrifft, aber in punkto Diskussionen haben sie im TV den Deutschen einiges vorraus. Da konnte ich wirklich sehen, wie die Vertreter der Ideologien frei diskutieren konnten. Das ging manchmal ziemlich hart her. Aber es machte wirklich spaß. Man lernte die verschiedenen Argumentationsweißen und die Präferenzen der Ideologen.
    Deswegen meinte ich auch, das das Topos des Plattform-Verhinderns nur in Deutschland anzutreffen ist. Vielleicht sollten wir uns nicht fürchen, in dieser Hinsicht können wir von den USA lernen.

    serdargunes

    Montag, November 17, 2008 um 6:43

  4. Laut Wikipedia sind in der Türkei seit 1925 28 Parteien verboten worden, anscheinend hat man dort auch enge Grenzen, was die Diskussionsfreudigkeit betrifft. Dort scheint es v.a. linke und anti-laizistische Parteien zu treffen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Parteien_in_der_Türkei#Verbotene_Parteien

    Aktuell findet man im türkischen Parlament zwei „nationalistische“ Parteien:
    Milliyetçi Hareket Partisi (14,27% bei den letzten Wahlen)
    Genç Parti, (3,3%)

    Ich nehme an, Du meinst mit „Entmystifizieren“ im ersten Kommentar, dass diese Parteien durch die Diskussionen auch weniger attraktiv und folglich weniger gewählt werden. Da rechte Parteien in der Türkei allerdings 17% in den Wahlen erzielt haben, bin ich mir nicht sicher, ob das funktioniert hat.
    Auch wenn es schwer übertragbar sein mag – 17% rechte Parteien im Bundestag würden hier unerträgliche Verhältnisse schaffen.

    Natürlich kann ich nicht sicher wissen, ob ein vermehrtes Auftreten von rechten Politikern im Fernsehen zu solchen Ergebnissen führen würde. Ich weiß nur sicher, dass sie derzeit nicht im Bundestag sitzen. Das würde ich nur ungern im Dienste einer neuen Diskussionskultur aufs Spiel setzen.

    volkerradke

    Montag, November 17, 2008 um 10:22

  5. Mit den Parteiverboten has du recht. Es gibt dort noch viel mehr Probleme, was die Meinungsfreiheit betrifft. Das war das Paradoxe! Im Fernsehen treten dann alle Fraktionen auf, keiner kommt auf die Idee „Wir sollten den Rechten keine Plattform bieten“.
    Klar die Verhältnisse hier und dort sind nicht die gleichen und ich habe auch von einer eher abstrakten Position formuliert. Ich wollte auch nur darauf hinweisen, das dieser Topos vielleicht zu einer Bequemlichkeit führen könnte, so das wir uns der Argumentation gegen Faschisten und Rechte entledigen, weil wir den Staat auf unserer(!) Seite haben.

    serdargunes

    Montag, November 17, 2008 um 12:57

  6. In Bezug auf die gegen Rechte nötige Argumentation sind wir offenkundig sehr verschiedener Meinung. :D

    volkerradke

    Montag, November 17, 2008 um 8:59

  7. Ja, die Verhältnisse in der Türkei sind fürwahr andere, und niemand könnte auf die Idee kommen, den Rechten im Fernsehen keine Plattform zu bieten, ohne dafür einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Zumindest Jobmäßig. Dafür aber besteht ein eiserner Konsens, kurdischen, armenischen, links-feministischen, schwullesbischen etc. pp. Positionen in den Medien keine Plattform zu bieten. Über dies Problem gibt es Konferenzen, Artikel usw. en masse, leider aber kaum Erfolgserlebnisse der in der Medienrepräsentation Benachteiligten.
    Die Partei- und Themenverbote (Andenken Atatürks schmälernde Äußerungen etc.) machen nur einen Ausschnitt des nicht in den Medien repräsentierten Spektrums aus.
    Dementsprechend habe ich zumindest das gegenseitige Angeschreie nationalchauvinistischer Männer nie als Diskussionskultur erleben können. Mit Argumenten operieren hören habe ich in den unentwegten Talkshows selten jemanden.

    [Ich fürchte übrigens, CHP und AKP sind ebenfalls zu den rechten Parteien zu zählen ;-) ]

    Ganz zu schweigen von der Problematik der Eigentumsverhältnisse bei den Massenmedien, der diskursiven Hegemonie etc., haben sich anscheinend Normen dessen, was „alle Fraktionen“ seien, etabliert, die einen substantiellen Teil der potentiellen Diskutanten für viele Zuschauer/innen unsichtbar machen, oder lese ich serdargunes’ Kommentar falsch?

    Ob es hierzulande im Großen und Ganzen besonders anders zugeht, wage ich als Nicht-TV-Kunde nicht zu beurteilen. Wie oft war in den letzten Jahren irgendein zwanghafter „Tabubruch“ per pro-NS-Äußerungen in den Medien Skandalthema?

    sibilantenkonfusion

    Mittwoch, November 19, 2008 um 2:09

  8. Danke für die Ergänzungen. Ich vermute, du subsumierst auch mainstream-konsvervative Parteien unter die Rechten, ich hatte das etwas enger gefasst. Einige der Haltungen von AKP und CHP würden hier freilich außerhalb des bürgerlichen Mainstreams liegen.

    Einer der wesentlichen Unterschiede der hiesigen Debatte zu den türkischen Verhältnissen scheint mir zu sein, dass in der Türkei historische Schuld (Armenier-Genozid) nach wie vor geleugnet wird, das Bekenntnis zur türkischen Schuld sogar hochgefährlich ist. In Deutschland hingegen herrscht medial wie politisch das offensive Bekenntnis zur deutschen Schuld vor, die instrumentell in eine besondere deutsche Verantwortung umgedeutet wird. Ich könnte es mir nicht vorstellen, dass die türkische Regierung kurdische Dörfer mit Verweis auf den Armenier-Genozid bombardieren lässt. In Bezug auf Serbien war dies Deutschland möglich.

    volkerradke

    Mittwoch, November 19, 2008 um 8:37

  9. Dieser Vergleich ist ein sehr wichtiger. Ich hatte bei meinem obigen Beitrag keine geordneten Gedanken zu den wesentlichen Unterschieden zwischen den Verhältnissen in beiden Ländern formulieren können, und mir war etwas Bange, dass dies als Parteinahme für eine westliche Zivilisation missverstanden werden könnte, wie sie leider sehr populär geworden ist.

    AKP und CHP hatte ich eben aufgrund ihrer spezifischen Positionen zu den genannten Themenkomplexen unter die Rechte subsumiert, nicht, weil ich einer Differenzierung zwischen mainstream-konservativen und rechtsradikalen Parteien abhold wäre.

    züccaciye

    sibilantenkonfusion

    Freitag, November 21, 2008 um 2:39

  10. In privaten TVs gibt es durchaus die Präsenz von Linken, Armenieren und Kurden. Ich könnte eine Menge Sendungen und Diskussionen aufzählen. Auch Personen!
    Sogar im Staatsfernsehen TRT gibt es immer mehr Personen, deren Präsenz vor Jahren noch undenkbar war. Etyen Mahcupyan, Hrant Dinks Freund und Nachfolger in der Agos-Zeitung, hat eine eigene Sendung.
    Linke wie Murat Belge oder Liberale wie Mustafa Erdogan kann man durchaussehen und treten recht häufig auf. Natürlich das ändert an der strukturellen Unzulänglichkeit dieses Senders nicht. Da muss noch mehr getan werden.
    Ich würde die CHP viel weiter rechts einordnen als AKP, die im Gegensatz zu der CHP sich nicht als sozialdemokratische Partei bezeichnet.

    Wird der Genozid an den Armeniern geleugnet? Kommt darauf an, was mit „geleugnet“ gemeint ist. Es hat eine historische Auseinandersetzung mit dieser Thematik in der Geschichte der Türkei nicht stattgefunden. Wir können heute die Geschichte der NS-Zeit in deutschen Geschichtsbüchern finden. Es wird auch an der Schule gelehrt. Die Situation in der Türkei ist eine ganz andere, bis noch vor ein paar Jahren wußten viele Generationen noch nicht einmal das es sowas gab. Es wurde schlicht nicht thematisiert, es kam in der ganzen Bildung nicht vor.
    Und wer hat denn zu erst geschossen, als dieses Thema im Parlament thematisiert wurde oder als Intellektuelle es in der Gesellschaft besprochen haben? Die CHP und die MHP! Und auch vereinzelnt Parlamentarier aus der AKP.
    Das paradoxe ist, das der islamische Mainstream (damit meine ich islamische Intellektuelle) sich hier viel freiheitlicher verhalten hat als Nationalisten oder Kemalisten.

    Ich denke es gibt seit ein paar Jahren positive Entwicklungen. Sei es die Literatur auch als die öffentliche Diskussion in den Medien (TV, Zeitungen usw.)

    serdargunes

    Montag, November 24, 2008 um 5:44

  11. Die Zahl der Toten wird heruntergerechnet und der Völkermord wird nicht als solcher bezeichnet, sondern als „Notmaßnahme“ zum Erhalt der Türkei. Auch auf das Ausland wird Druck ausgeübt, den Genozid nicht zu thematisieren.
    http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_an_den_Armeniern#Bewertung_in_der_T.C3.BCrkei

    volkerradke

    Montag, November 24, 2008 um 9:18

  12. Selbst auf der Frankfurter Buchmesse, wo die Türkei als Staat den Auftritt der dorther stammenden Intellektuellen organisierte, wurde u.A. von Etyen Mahcupyan ausdrücklich thematisiert, dass die publizistische Beschäftigung mit dem Genozid, auch in abgeschwächter Form als „armenische Frage“ weiterhin ununterbrochen Strafverfahren einbringt. Wenn er dies auch mal im Fernsehen sagen kann, ist das schön, ändert aber leider wenig an der Gesamtsituation. Wir haben einen erschossen, den anderen lassen wir jetzt mal ein wenig reden. Wie großherzig.
    Um nicht mißverstanden zu werden: Es geht doch gar nicht um eine herablassende Bewertung der Türkei als defizitär aus Sicht eines fortgeschrittenen Gemeinwesens. Den positiven Bezug auf die BRD hast Du, serdargünes, anfänglich eingebracht, während volkerradke und ich im Gegenteil auf die hiesigen Defizite hinweisen wollen. Sämtliche Kritikpunkte, die angesprochen wurden, werden seit Jahren von türkischen (im Sinne von „in der Türkei beheimateten“) Intellektuellen weitaus deutlicher zur Sprache gebracht. Dafür müssen sie oft zahlen. Gerade die Tatsache, dass diese Punkte weiterhin – weit entfernt davon, Unterrichtsstoff zu werden – Gegenstand von Verfolgung sind, zeigt, dass Deine These von der wunderbaren Welt der Talkshows nicht hinhaut, und bietet kein Beispiel, das dazu inspirieren könnte, Naziinterviews im Fernsehen irgendeines Landes als wünschenswert zu betrachten.
    Abgesehen davon gibt es zur Frage positiver Entwicklungen vs. Verschlimmbesserungen in der Türkei gerade in Literatur- und Medienbetrieb weitaus dezideritere Meinungen als die, dass man das alles nicht so streng sehen dürfe. Was ich aus Deinem Beitrag herauslese.

    sibilantenkonfusion

    Dienstag, November 25, 2008 um 4:10

  13. @sibilantenkonfusion
    Ehrlich gesagt denken wir gar nicht so verschieden. Ich habe an deinem Beitrag auch nichts auszusetzen. Was Etyen Mahcupyan gesagt hat und was er auch ständig schreibt, sei es in Agos, Taraf oder Zaman stimmt ja.
    Es geht mir auch gar nicht um das Image der Türkei oder seiner Leute. Von einer wunderbaren Welt der Talkshows habe ich nicht gesprochen, nur was ist. Es kann ja nicht alles entweder total schlimm oder total gut sein. Bei so mancher Diskussion im türkischen Fernsehen weiß ich, das das so in Deutschland möglich wäre. Natürlich auch andersrum.

    Ist deine Wahrnehmung wirklich diese, das ich „das man alles nicht so streng sehen dürfe“ gemeint habe? Ich habe einige Jahre dort gelebt und studiert. Ich kenne die Verhältnisse von 1994 bis heute. Es gibt eine Menge Verbesserungen, die bei weitem nicht genug sind, aber der Unterschied zu 1994 oder 96 ist groß.
    Vor vielen vielen Jahren wäre nicht möglich gewesen, eine Konferenz über den Genozid an den Armenieren zu veranstalten. Das wäre schon im Vorfeld verhindert worden. Jetzt war das möglich, natürlich mit den üblichen faschistischen Begleiterscheinungen. Sprich Proteste von Grauen Wölfen und Kemalisten. Ich kann mich da an sehr viele Artikel in der Cumhuriyet erinnern.

    Hrant Dink erzählt mal das er ziemlich Stress mit den Diaspora-Armeniern hatte, weil die ihn gedrängt haben, in einer bestimmten Sprechweise zu reden und den Begriff „Genozid“ so oft es geht zu benutzen. Der meinte schlicht, es geht nicht darum endlich diesen Begriff zu benutzen oder das alles als solches zu bezeichen. Es gehe um viel mehr. Er meinte diese ideologische Sicht wäre in der Türkei gar nicht hilfreich, was auch Mahcupyan meinte. Dink und Mahcupyan waren gemeinsam den Attacken der Diaspora-Armenier ausgesetzt. Das tragische ist, das Dink einen Artikel geschrieben hat, in dem er den armenischen Nationalismus kritisiert. Aber ein bescheuerter Staatsanwalt und ein paar Privatpersonen, sahen darin eine Kritik am „Türkeintum“! Das hat ihm das „berühmte“ Verfahren eingebracht. Danach wurde er ermordet.

    serdargunes

    Montag, Dezember 1, 2008 um 1:23

  14. Lieber serdargunes,

    wollen wir nicht diese Diskussion andernorts fortführen, oder ganz beenden? Zum Thema Naziinterviews im Fernsehen haben wir wohl beide nichts mehr zu äußern.
    Dennoch: Ich möchte mich davor verwahren, dass wir „nicht so verschieden denken“.
    Die von Dir angeführte Konferenz _wurde_ übrigens im Vorfeld verhindert und musste zu einem anderen Zeitpunkt an einem anderen Ort abgehalten werden. „Übliche faschistische Begleiterscheinungen“ sind natürlich dann kein Problem, wenn man ihnen nicht ausgesetzt ist. Für mehrere Personen, die an der Konferenz beteiligt waren, war die längerfristige Belagerung durch einen Lynchmob ohne nennenswerten Polizeischutz allerdings traumatisch.
    Ich weiß nicht warum, aber irgendwie habe ich das Gefühl, Du wärest eigentlich nicht der Richtige, um hier Positionen von Hrant Dink zu referieren. Die man übrigens in „Die Saat der Worte“ (Schiler-Verlag) in deutscher Sprache nachlesen kann.
    Aber dass Du durchweg von _den_ Diaspora-Armeniern sprichst, und dann staatliche Verfolgung auf einen bescheuerten Staatsanwalt und ein paar Privatpersonen herunterbrichst und verniedlichst, das sollte doch schon, vielleicht gar Dich selbst, irgendwie nachdenklich stimmen, oder?

    sibilantenkonfusion

    Montag, Dezember 1, 2008 um 12:14


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