Archiv für Oktober 2008
Fußballer im Handy-Zeitalter
Ein Trainer, der dem Mannschaftskapitän über die Presse mitteilt, dass der Mannschaftskapitän dem Trainer seine Kritik in einem persönlichen Gespräch und nicht über die Presse hätte mitteilen sollen.
EU-Piraten
Finanzkrise und Klimawandel
Finanzkrise
In den letzten Wochen wurde aus meiner Sicht offenkundig, dass das z.T. ordentliche Weltwirtschaftswachstums der letzten Jahrzehnte in den nächsten Jahren nicht stattfinden wird. Um die kapitalistische Akkumulation zu beschleunigen, wurde schon immer auf breiter Basis mit geliehenem Geld operiert, und die länger werdenden und oft schlecht abgesicherten Kreditketten sind in den letzten Monaten z.T. zusammengebrochen. Um diese Kreditketten zu restaurieren, ist nun eine Menge Geld erforderlich, das für die Akkumulation und den Konsum fehlen wird.
Entsprechend ist für die nächsten Jahre, vielleicht für eine lange Zeit, ein sehr viel geringeres oder gar negatives Wirtschaftswachstum zu erwarten, bis die nun erfolgende staatliche und überstaatliche Umstrukturierung des Finanzsektors wieder in eine belastbare Kreditwirtschaft führt. Sollten die internationalen Anstrengungen nicht erfolgreich sein, die Finanzmärkte also auf absehbare Zeit dysfunktional bleiben, rechne ich mit einer stärkeren Schrumpfung und massiven internationalen Verwerfungen als Folge gescheiterter Kooperation (wechselseitige Schuldzuweisungen, weniger betroffene Nationen wie China nutzen ihre Gelegenheiten, die amerikanische Hegemonie zu unterwandern und vieles mehr ist so denkbar wie wahrscheinlich).
Auf der Ebene kapitalistischer Regulation erwarte ich eine Zeit verstärkter staatlicher bzw. neokeynesianischer Regulation der Ökonomie, was nach einiger Zeit zu den damit verbundenen bekannten Krisenerscheinungen führen wird: überschüssiges Kapital wird nicht beseitigt, die Profitraten sinken etc.pp. Dies führt irgendwann wieder zu einer Phase sinkender staatlicher Regulation und verschärfter Liberalisierung der Märkte, bis die damit verbundenen Probleme zu groß werden: massive soziale Ungleichheit und Verarmung breiter Bevölkerungsschichten werden die Notwendigkeit sozialer Befriedungsmaßnahmen erhöhen und wieder zu verstärkten staatlichen Interventionen führen.
So wie Keynesianismus in Richtung Stagnation drängt, treibt der Wirtschaftsliberalismus Ökonomien und Gesellschaften in die Instabilität, weshalb die meisten kapitalistischen Nationen mit Mischformen operieren. Gleichzeitig ist – je nachdem, wo im Konjunkturzyklus man sich gerade befindet – mal die eine, mal die andere Option kapitalistischer Regulation prominenter, ohne dass eine Seite sich endgültig durchsetzen würde. Durch diesen systemischen Zusammenhang bedingt macht es wenig Sinn, wenn Linke Partei für den scheinbar arbeitnehmerfreundlichen Keynes gegen den Kapitalbüttel Friedman ergreifen, oder dem Hickel den Vorzug vor dem Sinn geben. Keynesianer und Neoliberale „haben Recht“ im Sinne der Interessengruppen, die sie meist vertreten, doch beide sehen den größeren Zusammenhang nicht, der sie immer wieder aufeinander verweist und in einem Tanz gegeneinander antreten lässt, der so lange währen wird wie die Herrschaft des Kapitals.
Klimawandel
- Einschneidende Maßnahmen zur Abschwächung des Klimawandels unter 2°C (zu verhindern ist er nicht mehr) müssten in den nächsten Jahren (bis etwa 2020) stattfinden. Durch die gewaltigen Summen, welche die Staatshaushalte nun für die Absicherung des Finanzsektors erbringen müssen, erscheint dies zunehmend unwahrscheinlich.
- Deutlich wird, dass unter kapitalistischen Bedingungen, die meist nur kurzatmige Reaktionen auf akute Krisen zulassen, eine so langfristige wie teure Umstrukturierung wie die Abkehr von der fossilen Energie derzeit nicht bewältigt werden kann, zumal einige der größten CO2-Emittenten (USA, Kanada, Russland) bereits auf das Abtauen des nördlichen Eispanzers warten, um die dortigen Bodenschätze, v.a. Erdöl und Erdgas, auszubeuten. Die durch den Klimawandel insgesamt zu erwartenden Umweltschäden und politischen, möglicherweise auch militärischen Konflikte halte ich für noch gefährlicher – und langfristig auch für teurer – als die aktuelle Finanzkrise.
Moderator im Wind
Ob Thomas Gottschalk wusste, was er sagte? Nachdem er zuerst scheinbar Verständnis für Marcel Reich-Ranickis Empörung bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises gehabt hatte, war es ihm vielleicht doch ein Anliegen, später gegenüber dem Schwiegersohn Martin Walsers („Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“) kundzutun, dass ihm „Tod eines Kritikers“ „übrigens sehr gut gefallen“ habe – Walsers Erzählung, in der ein Reich-Ranicki nachempfundener Literaturkritiker umgebracht wird.*
Und dies, kurz nachdem Reich-Ranicki Gottschalk vor laufender Kamera das Du angeboten hatte.
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[*am Ende des Buchs stellt sich heraus, dass der Kritiker Ehrl-König doch noch am Leben ist, siehe Kommentar 1; entscheidend für die Zwecke meines Textes sind die antisemitischen Fantasien, die das Buch und Walsers Äußerungen in der Öffentlichkeit durchziehen]