Volker Radke

…bis man ihr das anmerkt

Canonical, Red Hat und das Trittbrettfahrerproblem

with one comment

Zum aktuellen Streit um die tatsächlichen Beiträge der Firma hinter Ubuntu (Canonical) und ihren Beiträgen zum Linux-Ökosystem einige Anmerkungen:

Mittlerweile ist durch den Gnome-Census deutlich geworden, dass Canonical nicht nur im Kernel-Bereich, sondern auch bei der Entwicklung des Gnome-Desktops eher bescheidene Beiträge leistet, obwohl Ubuntu mit am stärksten von Gnome profitiert. Statt dessen setzt man auf die Entwicklung eigener Komponeten, die dann häufig nicht mit den Gnome-Desktops anderer Distributionen kompatibel sind (das Ubuntu-Thema etwa sieht in einem ungepatchten Gnome fehlerhaft aus). Dies bringt Ubuntu den Vorteil, dass es etwas vorweisen kann, das andere Distributionen nicht haben. Gleichzeitig steigt für die Ubuntu-Entwickler natürlich der Aufwand bei der Systempflege, da die eigenen Patches in jede neue Gnome-Version eingepflegt werden müssen, statt dies dem  Gnome-Upstream zu überlassen. Der kompetitive Vorteil (exklusive Desktop-Features!) wird durch diese Mehrarbeit wieder verringert, die alle sechs Monate zu leisten ist.

Da Ubuntu zahlreiche Anwender und Entwickler durch seinen Fokus auf Benutzerfreundlichkeit und professionelles Design angezogen hat, die sonst vielleicht (unentgeltlich!) bei openSUSE oder Fedora mitgearbeitet hätten, ist der Versuch v.a. von Red-Hat-Mitarbeitern, Canonical über die moralische Schiene anzugehen, durchaus verständlich. Wäre Canonical durch sozialen Druck dazu gezwungen, mehr Ressourcen in Upstream-Projekte einzubringen, würde dies die Entwicklung der eigenen Distribution eher verlangsamen – zum Gewinn des gesamten Linux-Ökosystems.

Der Red-Hat-Mitarbeiter Adam Williamson hat gezeigt, dass der relative Erfolg von Ubuntu bisher eher zu Lasten der Linux-Mitbewerber als zu Lasten von Microsoft oder Apple geht: Seit es Ubuntu gibt, wächst der Linux-Marktanteil anscheinend nicht schneller als vorher, allerdings sinkt der Marktanteil anderer Distributionen wie Fedora, Opensuse und Mandriva – Linux als ganzem ist damit nicht wirklich gedient. Mandriva ist haarscharf an der endgültigen Pleite vorbeigeschrammt, während Novell, die Firma hinter openSUSE, sich mittlerweile mit Übernahmeversuchen konfrontiert sieht.

Die Ironie der Geschichte: Trotz seines hohen Marktanteils bei Endusern ist Canonical nach wie vor keine profitable Firma, während Red Hat, das einen scheinbar altruistischeren Stil pflegt (Beiträge werden meist in gemischten Upstream-Projekten wie dem Kernel, Xorg oder Gnome geleistet, im Gegensatz zu Canonical-Only-Projekten wie Upstart) jedes Quartal einen komfortablen Gewinn ausweist: alleine im letzten Quartal 24,1 Millionen Dollar.

About these ads

Written by Volker Radke

31/07/2010 at 12:34 nachmittags

Veröffentlicht in Software

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. [...] beschäftigen, was Canonical nicht tut. Womit man bei einem Beispiel dafür wäre, dass beim Trittbrettfahren im Open-Source-Bereich auch dem Trittbrettfahrer selbst Nachteile entstehen können, die für einen Endanwender durchaus [...]


Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: