Archiv für die Kategorie ‘Klimawandel’
Klimawandel und Trittbrettfahrer
>>Was hält Nationen von Anstrengungen ab, ein globales Desaster wie den Klimawandel zu vermeiden?
Scott Barrett hat vier auf den ersten Blick sehr einleuchtende Gründe angeführt: Klimawandel führt nicht zur Auslöschung der gesamten menschlichen Spezies, die Länder werden unterschiedlich davon betroffen sein (und einige glauben, davon profitieren zu können), Klimaschutz ist extrem teuer und zieht Ressourcen von anderen Gütern ab (darunter Katastrophenschutz), und schließlich: Wo alle mitwirken müssen, benehmen sich viele als Trittbrettfahrer. Vor allem dieses bisher aus dem Alltagsleben bekannt „free rider“-Problem ist bisher nicht gelöst. Es entstand, weil die Umwelt (hier die Atmosphäre und die Ozeane) als „Allmende“ betrachtet wurde, an der sich alle, vor allem die Industriestaaten, reichlich bedient haben, ohne für die Nachhaltigkeit der öffentlichen Güter zu sorgen. Auch wenn ein virtueller Klimasuperstaat der CO2- Reduzierer ein Gesamtinteresse sicherstellen wollte, könnte er niemanden von der Nutzung ausschließen, so dass Schwarzfahrer von der Verringerung der Emissionen profitieren, ohne dafür bezahlt zu haben.<< (Aus: Welzer/Leggewie, Das Ende der Welt, wie wir sie kannten, S. 166)
Entwaldung für Ökooptimisten
Manipulieren mit Überschriften bei Michael Miersch in der Welt:
>>Der Globus wird grüner<<
Im Text erfährt man das traurige Gegenteil :
>>Die Entwaldungsrate ist laut dem letzten FAO-Statusbericht nach wie vor erschreckend hoch, wenn auch etwas geringer als in den 90er-Jahren. Zwischen 2000 und 2005 gingen 73 000 Quadratkilometer Wald verloren, mehr als die Fläche Bayerns.<<
Miersch gibt die Statistik auch noch falsch wieder, natürlich in seinem Interesse – die Nettoentwaldungsrate beträgt laut FAO nämlich jährlich 73.000 Quadratkilometer.
Die Fähigkeit, eine etwas langsamer voranschreitende Entwaldung in ein Grünerwerden des Planeten umzudeuten, hilft Miersch sicher dabei, seinen Ökooptimismus aufrecht zu erhalten.
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Treibhauseffekt, El Nino, Sonnenflecken und Vulkane
Ein schönes Stück Journalismus über die wichtigsten Zusammenhänge bei der Etnwicklung der globalen Temperatur:
Das politische Scheitern der Klimaforscher IX
Tragik der Allmende (Tragedy of the Commons) für Einsteiger – Stefan Rahmstorf im Interview mit morgenweb.de:
>>morgenweb: Derzeit stocken die Klimaverhandlungen. Wie bewerten sie die Aussichten für Kopenhagen?
Rahmstorf: Bleibt es bei den Vorschlägen der Länder, die heute auf dem Tisch liegen, landen wir bei einer Erwärmung von drei Grad oder mehr. Der jetzige Ansatz leidet unter dem fundamentalen Dilemma, dass jedes Land versucht, das Beste für sich herauszuholen. Am Schluss kommt für die gesamte Menschheit das schlechteste Ergebnis heraus.<<
Wie Ian Angus in seiner Kritik des Konzepts der Tragik der Allmende richtig bemerkt, ist sie keine anthropologische Konstante, und kann zumindest auf lokaler Ebene auch unter kapitalistischen Bedingungen durch Kooperation der gemeinsam Betroffenen vermieden werden (regionale Umweltabkommen, etwa der Rheinanliegerstaaten). Freilich dürfte die Tragedy of the Commons auf globaler Ebene unter Bedingungen nationalstaatlicher Konkurrenz um knapper werdende Ressourcen kaum zu umgehen sein.
Deutsch-europäische Prioritäten
Frankfurter Rundschau, 23.8.09:
>>Waldbrände bei Athen – Flammen erreichten die ersten Vororte<<
Eberhard Rondholz, Kokret 10/2007:
>>…Die Ursachen für das Desaster sind bekannt: Es war noch heißer als sonst, die Winde waren heftiger, die Pyromanen zahlreicher und die Bodenspekulanten gieriger, die Feuerwehren schlechter ausgestattet denn je. Warum das Material bei den Brandschützern so knapp ist und anderswo so reichlich, ist ein nationales Tabu: Weil das Land immer mehr Waffen kaufen muß, angeblich. Über 318 Kampfflugzeuge verfügt die griechische Luftwaffe derzeit, darunter 59 F16 der neuesten Generation. Dagegen stehen 20 einsatzfähige (zum Teil ziemlich angejahrte) Löschflugzeuge vom Typ Canadair. Da muß man, wenn’s brennt, woanders um Hilfe bitten. Deutschland hat 3 (drei!) Chinook-Helikopter geschickt. Zwar hat das griechische Heer davon selber mehr als ein Dutzend. Doch das muß geschont werden – für den Tag, an dem der Türke kommt.
Die EU will Griechenland jetzt den jährlichen Vier-Milliarden-Scheck mit einer fetten Sonderhilfe aufstocken. Werden doch diese vier Milliarden für Waffenimporte gebraucht, und da wäre es wegen der Brandschäden knapp geworden nächstes Jahr. Schließlich sind Kaufversprechen einzulösen – Angela Merkel hat kürzlich in Athen energisch daran erinnert: Drei U-Boote vom Typ 214 will HDW Kiel/Thyssen-Krupp in Hellas noch absetzen, EADS 30 Eurofighter, Kraus-Maffei mehr als 300 Leos. Das griechische Kriegsbudget ist, gemessen am BIP, fast doppelt so hoch wie das deutsche, und dabei verteidigt Griechenland seine Freiheit nicht am Hindukusch…<<
Das politische Scheitern der Klimaforscher VIII
Mojib Latif, Braunschweiger Zeitung:
>>Christine Nolte: Sie warnen seit Jahren vor dem Klimawandel und seinen Folgen. Interessieren sich die Politiker denn für das, was Sie sagen?
Ich kann den Politikern nichts mehr beibringen. Die wissen alles. Aber sie handeln nicht danach – am Ende des Tages sitzen die Parteivorsitzenden der Großen Koalition zusammen, und alles wird miteinander vermengt, etwa Gesundheit mit Klima. So geht es doch nicht!
Christine Nolte: Die EU hat in den letzten Monaten auch viele ambitionierte Klima-Ziele aufgrund von Lobbyinteressen verwaschen.
Genau so ist es. Schauen Sie sich doch mal an, was 2007 beim G-8-Gipfel in Heiligendamm zustande gekommen ist. Da steht in der Erklärung: „Wir erwägen ernsthaft, den Ausstoß bis 2050 auf 50 Prozent zu senken.“ Das ist nichts! Bitten Sie Ihre Bank mal um einen Kredit und sagen Sie: „Ich erwäge ernsthaft, den Kredit zurückzuzahlen.“<<
Great Disruption?
In einigen Jahren zu überprüfen – Thomas Friedman, New York Times:
>>Let’s today step out of the normal boundaries of analysis of our economic crisis and ask a radical question: What if the crisis of 2008 represents something much more fundamental than a deep recession? What if it’s telling us that the whole growth model we created over the last 50 years is simply unsustainable economically and ecologically and that 2008 was when we hit the wall — when Mother Nature and the market both said: “No more.”
We have created a system for growth that depended on our building more and more stores to sell more and more stuff made in more and more factories in China, powered by more and more coal that would cause more and more climate change but earn China more and more dollars to buy more and more U.S. T-bills so America would have more and more money to build more and more stores and sell more and more stuff that would employ more and more Chinese …
We can’t do this anymore.
[...]
One of those who has been warning me of this for a long time is Paul Gilding, the Australian environmental business expert. He has a name for this moment — when both Mother Nature and Father Greed have hit the wall at once — “The Great Disruption.”
[...]
In the meantime, says Gilding, take notes: “When we look back, 2008 will be a momentous year in human history. Our children and grandchildren will ask us, ‘What was it like? What were you doing when it started to fall apart? What did you think? What did you do?’ Often in the middle of something momentous, we can’t see its significance. But for me there is no doubt: 2008 will be the marker — the year when ‘The Great Disruption’ began.”<<
(„Mother Nature“ und „Father Greed“ sind Metaphern, die ich nicht verwenden würde – Natur ist nicht weiblich, und Gier ist weder männlich noch das eigentliche Problem, vr).
Die konkrete Frage, die ich mir stelle, und die in einigen Jahren beantwortbar sein wird: Wird der weltweite gesellschaftliche Reichtum, ungeachtet seiner sehr ungleichen Verteilung, den es im Jahr 2008 gab, nach dem Ende der „Finanzkrise“ in einigen Jahren wieder erreicht werden?
Oder werden Klimawandel, Ressourcenschwund, Umweltzerstörung inklusive der menschlichen Reaktionen darauf sowie die Disfunktionalität der Weltgesellschaft (vermachtete Märkte, spätdemokratische Entwicklungen in westlichen Industrienationen, wieder zunehmende Gefahr atomarer Kriege etc.) dazu führen, dass 2008 (weltweites Wirtschaftswachstum: 3,1%) ein (vorerst) letzter Höhepunkt menschlicher Reichtumsentwicklung gewesen sein wird?
Der IMF sagt derzeit ein bescheidenes Wachstum von 2,5% im Jahr 2010 voraus, nach einem prognostizierten Einbruch von -1,4% im Jahr 2009. Zu berücksichtigen ist allerdings das Wachstum der Weltbevölkerung von derzeit 1,2% jährlich – jegliches Wirtschaftswachstum unter 1,2% bedeutet also eine Verarmung.
Ich bleibe skeptisch bezüglich 2010, ohne mich jedoch festzulegen. Es ist durchaus möglich, dass durch weitere massive Verschuldung erneut Wachstum auf Pump generiert wird – bis zur nächsten Krise, und bis das Ökosystem weiteres Wachstum nicht mehr zulässt.
Kopenhagen im Dezember
Meine Vorhersage für die Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember: Es wird keine Einigung auf die vom IPCC geforderte Reduktion der Treibhausemissionen um 25-40% geben, und wenn doch, wird es keine ausreichende Sanktionierbarkeit geben, um die Emissionsziele auch durchzusetzen. Das Fernziel bis 2050 ist weniger interessant, weil entscheidende Änderungen bis etwa 2020 stattfinden müssen, um absehbar unabsehbare Konsequenzen zu verhindern.
Ich glaube ja nicht an die Möglichkeit einschneidender Reduktionen der CO2-Emissionen unter den Bedingungen massiver zwischenstaatlicher und kapitalistischer Konkurrenz. Die bisherige Entwicklung, 21 Jahre nach Gründung des IPCC, gibt wenig Anlass zu optimistischeren Erwartungen.
Das politische Scheitern der Klimaforscher VII
James Hansen über Waxman-Markey:
>>…Some leaders of big environmental organizations have said I’m naïve to posit an alternative to cap-and-trade, and have suggested I stick to climate modeling. Let’s pass a bill, any bill, now and improve it later, they say. The real naïveté is their belief that they, and not the fossil-fuel interests, are driving the legislative process.
The fact is that the climate course set by Waxman-Markey is a disaster course. Their bill is an astoundingly inefficient way to get a tiny reduction of emissions. It’s less than worthless, because it will delay by at least a decade starting on a path that is fundamentally sound from the standpoints of both economics and climate preservation…<<
Wenn Hansen Recht mit seiner Aussage hat, dass die Interessen der Öl- und Kohleindustrie den legislativen Prozess in den USA dominieren, dann macht es allerdings auch keinen Sinn, einen alternativen Vorschlag in diesen legislativen Prozess einzubringen. Nicht auf eine Alternative zu Waxman-Markey zu setzen ist Hansens Naivität, sondern sein Festhalten am legislativen Prozess wider besseres Wissen.
Klimawandel und materialistische Dialektik
>>…Schon im Juni 2008 warnte Hansen in einer Rede vor dem US-Kongress, dass die Zeit zu handeln äußerst knapp bemessen sei. „Elemente eines perfekten Sturms“ seien nachweisbar, eine „globale Katastrophe“ stehe kurz bevor. Auch Hansen geht – ähnlich wie Flannery – davon aus, dass die erreichte Konzentration von CO2-Partikeln in der Atmosphäre bereits zu hoch sei. Das Klima könnte sehr bald diesen „Punkt des Umkippens“ erreichen. Sei dieser Punkt überschritten, würde es sich mittels positiver Rückkopplungen „dynamisch jeglichen Kontrollversuchen der Menschheit entziehen“.
Umschlagen von Quantität in Qualität Was Hansen, Holdren und andere Wissenschaftler hier (wieder-)entdeckt haben, ist eine alte Gesetzmäßigkeit materialistischer Dialektik. Die geht seit Marx’ Zeiten davon aus, dass beständige, quantitative Änderungen in einem komplexen System – wie in diesem Fall der Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre – ab einem bestimmten Punkt zu einem plötzlichen, qualitativen Sprung führen, der das System in einen gänzlich anderen Zustand überführt. Wie dieses „Umschlagen von Quantität in Qualität“ vonstatten geht, kann jeder seit 1878 im „Anti-Dühring“ und seit 1883 in der „Dialektik der Natur“ nachlesen. Im gewissen Sinne entdeckt die Naturwissenschaft gerade die Marx’sche materialistische Dialektik neu – freilich, ohne dies zu bemerken…<<