Volker Radke

…bis man ihr das anmerkt

Presseerklärung Günther Jacob und Natan Sznaider (1.8.03)

Günther Jacob (Hamburg), Natan Sznaider (Tel Aviv) Hamburg/Berlin

    An die
    Leitung des „Historisch-Technisches Informationszentrums“ von Peenemünde
    Herrn Dirk Zache
    HTI@peenemuende.de

Sehr geehrter Herr Zache,

    wir teilen Ihnen auf diesem Weg mit, dass wir unsere Teilnahme am Rahmenprogramm zur Peenemünder Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ absagen. Dort wollten wir am 5. August unter dem Titel „Die deutsche Reue heißt … Stalingrad. Kein Vergleichen, kein Verzeihen, nichts wieder gut zu machen. Die Versöhnungsverweigerung des Philosophen Vladimir Jankélévitch“ über dessen Buch „Das Verzeihen“ diskutieren.

Die Gründe unserer Absage sind folgende:

  • Die Konzeption des vom „Historisch-Technischen Informationszentrum“ veröffentlichten Rahmenprogramms zur Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ (das wir jetzt erst im Internet entdeckten) zielt auf eine Verwischung des Unterschieds zwischen Tätern und Opfern des Nationalsozialismus.
  • Vor diesem Hintergrund steht das Risiko, während der Anfahrt, der Übernachtung oder der Abreise, von Nazibanden behelligt zu werden, in keinem Verhältnis zu einem politischen Nutzen, für den man sonst bereit wäre, einige Risiken in Kauf zu nehmen.
  • Zwischen Rahmenprogramm und „Sicherheitsfragen“ besteht unserer Meinung nach ein Zusammenhang: Die Verwischung des Unterschieds zwischen Tätern und Opfern des
    Nationalsozialismus bietet den Nazis eine passende Plattform für ihre eigenen Aktivitäten. Diese werden wiederum offiziell bewusst heruntergespielt. Was zum Beispiel die Folge hat, dass wir uns selbst telefonisch nach den Sicherheitsstandards erkundigen müssen. Angesichts mehrerer Nazikundgebungen in und um Peenemünde und auch der Tatsache, dass Sie selbst, Herr Zache, von einem Sicherheitsdienst geschützt werden müssen, wäre es die Aufgabe der Veranstalter, die Referenten darüber zu informieren, wie ihre persönliche Sicherheit gewährleistet wird.

Im Einzelnen:

    1. Das Gelände der einstigen Heeresversuchsanstalt Peenemünde wurde nach 1990 sehr zielstrebig und in sehr kurzer Zeit zu einem deutschen Wallfahrtsort gemacht, vergleichbar dem einstigen „Führersperrgebiet“ am Obersalzberg. Während im Berchtesgadener Land jahrzehntelang Hochglanzhefte verkauft wurden, die Hitler als kinder- und tierlieben Nachbarn vom „Berghof“ zeigen, gilt die Faszination der Peenemünde-Besucher einer „technischen Meisterleistung deutscher Forscher“ (Museumsführer) – der „Vergeltungswaffe V2“. Bewundert wird in Peenemünde das größte Rüstungsprojekt der Wehrmacht. Albert Speer und Heinrich Lübke hatten dort als oberste Bauleiter Tausende Zwangsarbeiter und 2500 KZ-Häftlinge aus Buchenwald und Ravensbrück Prüfstände und Gebäude errichten lassen. In Peenemünde selbst und später unter Tage im Konzentrationslager Mittelbau-Dora wurden 8892 Raketen des Typs V1 und 5975 des Typs V2 produziert. Abgeschossen aus „Westwall“-Bunkern oder von in den Niederlanden stationierten mobilen Rampen trafen rund 6000 dieser Geschosse London, Antwerpen und Brüssel – zuletzt am 27. März 1945. Eine zweistufige Fernrakete, die z.B. New York erreichen konnte, wurde noch in den letzten Wochen vor der deutschen Kapitulation konzipiert. Mehr als 8000 Menschen starben bei V2-Angriffen auf Antwerpen, Brüssel und London, über 20.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftling kamen bei der V2-Produktion ums Leben.
    Mit „Peenemünde“ war in Deutschland bis zum 8. Mai 1945 die Hoffnung verbunden, nach der „Endlösung“ mittels „Wunderwaffen“ auch noch den „Endsieg“ erringen zu können. Dieser kollektive Wunsch nahm nach der Kapitulation von 1945 die Form des „V2-Mythos“ an, der u.a. eine umfangreiche westdeutsche Peenemünde-Literatur hervorbrachte (weshalb niemand eine andere „Luftkriegsliteratur“ vermisste).
    Das „Historisch-Technische Informationszentrum“ in Peenemünde hat sich seit Mitte 1991 zu einem Publikumsmagneten mit bislang über 2 Millionen Besuchern entwickelt. Und kaum jemand pilgert dorthin, um der ermordeten Zwangsarbeitern oder KZ-Häftlingen zu gedenken. Peenemünde ist auch offiziell keine „Mahnstätte“, sondern eine „V2-Gedenkstätte“, wie es die „Schweriner Volkszeitung“ am 7.10.2002 in dankenswerter Offenheit aussprach. Nur durch internationale Proteste konnte 1992 eine große Party verhinderte werden, die man am 50.Jahrestag des ersten Abschusses einer V2-Rakete in Peenemünde feiern wollte. Auch die 1995 in Peenemünde aufgestellte 14 Meter hohe V-2-Rekonstruktion wurde dort nicht zur „Mahnung für folgende Generationen“ (Museumsführer) aufgestellt, sondern einzig und allein um den Naziraketentourismus anzukurbeln. (Als weitere Attraktion soll demnächst auch die authentische Abschussrampe – der „Prüfstand VII“ – zugänglich gemacht werden). Mit Erfolg, wie man weiß: Peenemünde hat den Obersalzberg (jährlich 150.000 Besucher) schon 1994 übertroffen und gehört seit dem Jahr 2002 mit jährlich 350.000 Besuchern zu Deutschlands erfolgreichsten Museen.
    Wir übersehen natürlich nicht, dass man auf die internationalen Proteste auch in Peenemünde mit einigen „politisch korrekten“ Nachbesserungen („Ambivalenz der Technik“, Hinweise auf die Lager) reagierte, aber es reicht, den Museumsshop zu sehen, wo in den Bücherbergen über Wernher von Braun und Hanna Reitsch, über die Wehrmacht und deutsche Raketentechnik auch das „Tagebuch“ von Anne Frank versteckt ist, um zu wissen, was in Peenemünde gesucht und gefunden wird.
    Dieser Hintergrund war uns schon bei unserer Zusage bekannt, im Rahmen des Begleitprogramms der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ über die Versöhnungsverweigerung von Vladimir Jankélévitch zu referieren.
    2. Der deutschen Naziszene gilt die Insel Usedom heute als „national befreite Zone“. Gehört Mecklenburg-Vorpommern ohnehin schon zu den Gegenden mit überdurchschnittlicher Nazidichte, so stellt Usedom hier noch eine Steigerung dar. In den Insel-Orten Karlshagen (wo wir untergebracht werden sollten), Trassenheide, Zinnowitz, Bansin, Heringsdorf, Ahlbeck und auf dem Golm (sowie im Einzugsbereich zwischen Wolgast und Anklam) stellt die Zahl der „Vorfälle“ vieles in den Schatten, was man von anderswo her kennt. Nazischmierereien, rechte Parolen , Nazi-Lieder, Nazi-T-Shirts am Strand, Nazi-Aufkleber an der Promenade, ein Molotow-Cocktail auf ein Ehrenmal für die sowjetischen Gefallenen, Angriffe auf die Anne-Frank-Ausstellung, Gedenkveranstaltungen für die Wehrmacht, „Mahnwachen für die Opfer der alliierten Luftangriffe“, Gedenkfeiern für Rudolf Heß und schließlich aggressive „Mahnwachen“ der Nazis direkt am Eingang der Ausstellung gehören ebenso zum Inselalltag wie die Nazi-Postillen „Insel Bote“ und „Fahnenträger“. Bei einem städtischen „Fest der Kulturen“ (in Wolgast) können Nazis – von der NPD bis zum „Kameradschaftsbund Usedom“ – unbehelligt anwesend sein und entsprechende Angst verbreiten. Selbst die Polizei geht davon aus, von den Nazis beobachtet zu werden: „Zu Übergriffen auf Polizisten sei es auf der Insel jedoch noch nicht gekommen“ gab vor zwei Jahren Polizeisprecher Axel Falkenberg erleichtert zu Protokoll. Er wisse aber nicht, „ob einzelne Beamte Angst haben.“ Nachdem bis 1997 Meldungen wie „Angriffe auf Urlauber häufen sich“ („Welt“) in der überregionalen Presse einen zutreffenden Eindruck von der politischen Situation auf Usedom vermittelten, werden rechtsradikale Übergriffe inzwischen bewusst nicht gemeldet: „Wir wollen ihnen keine Öffentlichkeit bieten“, sagt zum Beispiel Ingrid Nadler von der „Ostseezeitung“.
    Auch dieser Hintergrund war uns schon vor unserer Zusage bekannt.Was uns aber nicht hinreichend bekannt war und letztendlich zu unserer Entscheidung führte:

    3. Die unerträgliche Allgegenwart der braunen Schläger, die in diesem Jahr unter dem Motto agieren “Sommer 2003, besucht die Insel Usedom – Farbe bekennen und BRAUN werden“, wird noch gesteigert durch das Verständnis, das ihnen viele Usedomer entgegenbringen. Statt von Nazis redet man lieber von „Jugendlichen“, („Diese Jugendlichen fühlen sich in der Art, wie über sie, aber nicht mit ihnen geredet wird, missverstanden“ behaupten z.B. einhellig der frühere Landrat Kautz und Bischoff Berger), bei Nazi-Aufzügen wird (wie kürzlich in Wolgast) an vielen Fenstern Beifall geklatscht und bei Anlässen wie dem „Volkstrauertag“ legen Bürger und Nazis (z.B. auf dem Golm) gemeinsam Kränze nieder zum ehrenden Andenken an deutsche Soldaten und Bombenopfer. Die Nazis wissen genau, wie weit sie gehen können, weil sie wissen, wie die Mehrheit über Wehrmacht, Bombenkrieg, Kriegsgefangenschaft, Flucht & Vertreibung etc. denkt. Eine Nazi-Parole wie „Unsere Großväter waren keine Verbrecher“ ist auch in Usedom keine Minderheitenposition. Ebenso ist die Überzeugung, die „Bombardierung Swinemündes durch Amerika“ („Usedom Forum“) am 12. März 1945 sei ein Verbrechen gewesen, auf Usedom keine exklusive Nazi-Position. Deshalb stört sich z.B. niemand von der bürgerlichen „Interessensgemeinschaft Golm“, die aus den Massengräbern auf dem Golm nach 1990 eine weitere Touristenattraktion gemacht hat (40.000 im Jahr) daran, wenn das Tannengrün der „Kameradschaft Uecker-Randow“, des „National Germanischen Bruderbundes“ oder die Blumen der NPD ganzjährig neben den Kränzen der Bürger an den „Terror der Alliierten“ erinnern.

    4. Was wir vorher nicht glauben wollten: Dass die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ nun in Peenemünde gezeigt wird, ist nicht als Versuch zu werten, diesen Wallfahrtsort grundsätzlich in Frage zu stellen. Das gilt nicht nur für die Veranstalter in Peenemünde. Auch das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) bezieht sich positiv auf die Raketenshow. Von der „Ostsee-Zeitung“ gefragt, warum das HIS die Ausstellung in Peenemünde zeigt, antwortet der HIS-Mitarbeiter Peter Klein, auf der Insel könne durch „die vielen Urlauber ein bunt gemischtes Publikum angesprochen“ werden (aus diesem Grund wurde dort übrigens vor 2 Jahren auch die Titanic-Ausstellung gezeigt) und außerdem gäbe es hier bereits „eine ständige Ausstellung zum Thema Nationalsozialismus“. Auch Regine Klose-Wolf, Sprecherin der Hamburger Stiftung verklärt die Besucher der „V2-Gedenkstätte“ („Schweriner Volkszeitung““) bzw. des „Raumfahrtmuseums“ („Welt“), die sich – nach all den Bestsellern und TV-Dokus über den „totalen Luftkrieg der Alliierten gegen deutsche Städte“ – am Anblick einer deutschen Massenvernichtungswaffe berauschen wollen (z.B. kamen am 16. Dezember 1944 bei einem einzigen V2-Einschlag in Antwerpen 561 Personen ums Leben, weitere 291 erlitten schwere Verletzungen), kurzerhand zu bildungshungrigen Bürgern, die nur auf die Gelegenheit gewartet haben, um endlich ihre Informationsdefizite hinsichtlich der Verbrechen der Wehrmacht beseitigen zu können: „Das Museum in Peenemünde hat mehr als 300 000 Besucher im Jahr. Wir hoffen, dass auch unsere Ausstellung ihre Besucher haben wird.“ Ihr zeitgemäßes Bild findet diese absichtsvolle Ignoranz im Schnäppchen-Angebot eines verbilligten„Kombi-Tickets“ für jene, die sich nach der phantasmatischen Obsession für die Nazi-Rakete noch mal in Erinnerung rufen wollen, was die Deutschen auch ohne Wunderwaffen hingekriegt haben.

    5. Tatsächlich wurde mit dem „Kombi-Ticket“ eine treffende Metapher für den gegenwärtigen Stand der deutschen „Erinnerungskultur“ gefunden. Bereits angelegt in der vor drei Jahren nachgebesserten Peenemünder Museumskonzeption (die problematische V-Waffen-Produktion als Wiege der guten Raumfahrt, dargestellt als „zwei Enden der Parabel“), gehen diese Relativierungen des Nationalsozialismus nun in das Rahmenprogramm zur Wehrmachtsausstellung ein. Neben Referaten über die Rolle der Wehrmacht bei der Ermordung der Juden oder den „Mythos Wehrmacht“ in der Nachkriegszeit werden mehrere Veranstaltungen angeboten, in denen die Deutschen ganz unverblümt als Opfer (der Umstände, des Schicksals etc.) präsentiert werden. Da werden von Schauspielern an mehreren Tagen (26./27. Juli und 25./26. August) Feldpostbriefe aus Stalingrad verlesen (der Untertitel „Erzählen aus dem Kessel“ verweist auf das unsägliche Buch von Carl Schüddekopf: „Im Kessel. Erzählen von Stalingrad“), da ruft uns Pfarrer Otto Simon von der „Interessengemeinschaft Golm“ den „sinnlosen Tod“ unschuldiger deutscher Zivilisten in Erinnerung, die bei den US-amerikanischen Bombenangriffen auf Swinemünde (heute: Swinoujscie) ums Leben kamen und seither an der Usedomer Grenze zu Polen, neben dem „Soldaten- und Marinefriedhof“ der Wehrmacht, in einem Massengrab liegen, das zu DDR-Zeiten „leider kein Erinnerungsort sein durfte“, nun aber als „Mahnmal“ gilt (16. August). Einen Tag später erinnert sich Superintendent Tetzlaff aus Heringsdorf, der sich mit seinem Einsatz für die Wiederbelebung des „Volkstrauertages“ einen guten Namen gemacht hat (nicht zuletzt bei den örtlichen Nazis, die an diesem Tag aufmarschieren), ebenfalls an „den Bombenangriff vor 60 Jahren“, womit er aber den britischen Angriff auf Peenemünde meint. Eine weitere „Andacht zum Bombenangriff“ mitsamt „Glockenläuten“ führt am 18. August die Pastorin Gehlhaar durch. Das Unbestimmte dieser Ankündigungen ist selbst schon eine Code: Beim britischen Angriff auf Peenemünde, der zum Ziel hatte, die Produktion dieser ganz Europa bedrohenden Waffe durch die Tötung der Nazi-Wissenschaftler (in deren Siedlung bei Karlshagen) zu stoppen, kamen durch einen Fehler bei der Zielmarkierung mehr Zwangsarbeiter (612) um als Nazi-Techniker (120). Vor diesem Hintergrund besagt die allgemein gehaltene Ankündigung einer „Andacht zum Bombenangriff“, dass dort gerade nicht darum getrauert werden soll, dass statt dem SS-Offizier Wernher von Braun (dem Theodor Heuss 1959 das Bundesverdienstkreuz verlieh) und der Mehrheit seiner willigen Helfer (1500 Ingenieure, mehrere Tausend Techniker) die Zwangsarbeiter sterben mussten. Es geht um „die Würdigung aller von Zivilisten und Soldaten erbrachten Opfer“ (Museumsführer). Da fällt es den Nazigruppen „Interessengemeinschaft Taten statt Worte“ und „Aktionsgruppe Rostock“ leicht, sich mit einer „Kranzniederlegung für die Opfer des alliierten Bombenterrors vom 17./18. August 1943“ zu beteiligen. Mit anderen Worten: Im Rahmenprogramm zur Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ selbst finden sich Anknüpfungspunkte für die Naziaktivitäten dieser Wochen. Das ist in dieser Offenheit im Rahmen der Wehrmachtsausstellung bisher einmalig.Neben vielen weiteren Veranstaltungen, deren Zweck für Ortsfremde im Dunkeln bleiben muss („Exkursion nach Peenemünde“, eine Tanzperformance, ein Theaterstück „Gralssucher in Peenemünde“, ein Theaterstück „Zarah Leander, die Nazi-Sirene“) werden tagtägliche Praktiken noch einmal in Frageform thematisiert („Die Verwandlung der Deutschen zu Opfern??“/ 4. August, „Wandel der regionalen Erinnerungskultur“/29. August) und heimatliche Erinnerungen gepflegt („Zum Gedächtnis an den Ort Peenemünde“). Viele der Referenten, etwa der ehemalige NVA-Oberst Klaus Hein (lokaler Hobbyhistoriker) oder der Gedenkstättenreferent Bernhard Hoppe (der noch mehr staatliche Millionen für das Raketenmuseum fordert), gehören zu jenen, die nach 1990 in der Ankurbelung des „Mythos Peenemünde“ eine großartige Chance sahen – für sich, für den Insel-Tourismus und für Deutschland. Etwa gleich stark vertreten ist die lokale Kriegsgräberfraktion (Golm). Hinzu kommen Führungen nach Peenemünde des „Prora Zentrums“, eines Vereins, der bereits auf Rügen mit zeitgeistigen Gedenkkultur-Slogans den Tourismus ankurbelt („Innerhalb weniger Wochen konnten 10.000 Besucher gezählt werden. Zeitzeugen … die an `Kraft durch Freude`-Reisen teilgenommen haben oder etwas zur Arbeitsatmosphäre und zu ihrer sozialen Situation während des Nationalsozialismus erzählen könnten, sind herzlich eingeladen, sich zu melden.“)

    6. Nachdem wir uns noch etwas eingehender über Peenemünde informiert haben, wundert uns nichts mehr an dieser Konstellation: Vor Ort haben jene das Sagen, die gleich nach 1990 die Chance sahen, den („von der DDR nicht aufgearbeiteten“) Kult um die Nazi-Rakete zu kommerzialisieren. Nach dem sie (und die damalige Bundesregierung) 1992 mit der Raketenparty zu weit gegangen waren, hat man gemerkt, dass einige Gedenktafeln für die bedauernswerten „Fremdarbeiter“ (Museumskatalog) ein besseres Bild machen, nur um dann doch am 15. Juli 2002 ein „Fest anlässlich des 60. Geburtstages des Kraftwerkes Peenemünde“ zu feiern, das von Zwangsarbeitern erbaut wurde. Wie schon am Obersalzberg, wo unter Anleitung des Münchener Instituts für Zeitgeschichte 1999 die „Dokumentation Obersalzberg“ auf den Grundmauern von Hitlers Gästehaus eröffnet wurde, hat sich herausgestellt, dass mit einigen Verweisen auf die „dunklen Seiten der Vergangenheit“ das Kerngeschäft noch mehr boomt, und dass man außerdem unter dem Stichwort „Erinnerung“ erstmals ganz legitim Stalingrad, Vertreibung und deutsche Bombenopfer unterbringen kann. Der Berliner „Tagesspiegel“ (25.7.03) umschreibt (und beschönigt) diese Performance mit den Worten: „Seit Jahren balanciert Museumsleiter Dirk Zache auf dem schmalen Grat zwischen Erinnerung an die Schreckensherrschaft und Faszination für Raumfahrt.“ Dass das Hamburger Institut hier per „Kombi-Ticket“ mitbalanciert, wirft eine Reihe von Fragen bezüglich der Rolle die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ im heutigen Erinnerungsdiskurs auf.

    7. Die Hoteliers von Rügen haben die Präsentation der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ ehrlicherweise mit dem Hinweis abgelehnt, mögliche „Protestkundgebungen der rechtsextremen Szene“ könnten Touristen abschrecken; außerdem stelle die Ausstellung „angesichts aktiver Neo-Nazi-Gruppen ein schwer zu beherrschendes Sicherheitsproblem“ dar. Für Peenemünde sieht Peter Klein vom HIS hingegen keine derartigen Probleme: „Die notwendigen Bedingungen konnten letztlich nur in Peenemünde garantiert werden, als da sind: ein Sicherheitskonzept, pädagogisch vorgebildetes Personal, geklärte Finanzierung…“ Überhaupt spricht man in den ersten Berichten seit der Ausstellungseröffnung auffällig technokratisch, also unpolitisch, über das „gut funktionierende Sicherheitsregime“. Ein „ständig unübersehbar präsentes Polizeiaufgebot“ sowie ein privater Sicherheitsdienst sorgen zweifellos dafür, dass die Nazis auf dem Ausstellungsgelände (wo sie auch als Besucher auftauchen) nur einschüchtern, aber nicht zuschlagen können. So etwas kann man sich wirklich nicht erlauben im garantiert ausländerfreien deutschen Rentnerparadies (Mecklenburg-Vorpommern wird als „deutsches Florida“ vermarktet). Unterhalb dieser Schwelle kann der Terror der Nazis sich jedoch entfalten, weil nicht viele etwas gegen sie haben. In Wolgast war es den Nazis möglich, alle Ankündigungsplakate für ein „multinationales Kulturfest“ (mit echten Ausländern, die extra importiert werden mussten) abzureißen. Und obwohl die Polizei angekündigt hatte, „niemand müsse Angst vor rechten Übergriffen haben“, wurden Leute, die auf diesem braven Fest Informationen über die Wehrmachtsausstellung anboten, bedroht. Den Offiziellen in Ostvorpommern kommt es nur darauf an, dass nichts passiert, was zu einer überregionalen Meldung führen könnte. Deshalb sind auch Gegendemonstrationen unerwünscht. Erlaubt ist nur, die Nazis „rechts liegen zu lassen“ (Thomas Müller, SPD Wolgast). Genau das macht die Situation für andere gefährlich: Weil Leugnen und Vertuschen der massiven Nazipräsenz zum täglichen Brot auf Usedom gehören, werden auch eingeladene Referenten ganz absichtlich weder auf generelle noch auf sehr konkrete Gefährdungen hingewiesen (zum Beispiel hätte uns unsere Abreise am 6. August an einer Nazi-Kundgebung in Peenemünde vorbei geführt). In Verbindung mit der Beschwörung der „deutschen Opfer“ stellt dieses absichtlich „unpolitisch“ konzipierte „Sicherheitskonzept“ eine nachhaltige Ermutigung der Nazis dar, die deshalb auch immer offener auftreten.

    „Die deutsche Reue heißt Stalingrad“, heißt es bei Vladimir Jankélévitch – „sie heißt Niederlage.“ Die Ruinen von Berlin, Dresden, Swinemünde und Peenemünde sind das Mindeste, was man den Opfern des Nationalsozialismus schuldet. In Peenemünde will man das so nicht sehen und läutet lieber die Glocken am 60. Jahrestag der britischen Bombenangriffe. Bürger und Nazis sind sich da ganz einig.
    Unsere Veranstaltung sollte von der Versöhnungsverweigerung von Vladimir Jankelevitch handeln. Er traute den Eliten ebenso wenig wie weiten Teilen der Bevölkerung in Deutschland, die die Selbstanklage und die Schuld ihrer Nation als einen moralischen Standard akzeptieren wollen. Wir schließen uns diesem Misstrauen an. Unsere Absage folgt daher Jankélévitchs Diktum „Hört nicht auf das, was sie sagen, achtet auf das, was sie tun“.

    Mit freundlichen Grüßen


    Jacob/Sznaider: Die Lust am eigenen Leid (taz)

    Andreas Benl: Transformation des gut Gemeinten (Jungle World)

    Udo Wolter: Katharsis durch Verfälschung (Jungle World)

Geschrieben von Volker Radke

Dienstag, November 27, 2007 um 3:55