Volker Radke

…bis man ihr das anmerkt

Saul K. Padover: „Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45″

mit einem Kommentar

Dieser Text ist 2001 in einer kürzeren Version im 8. Rundbrief des Bildungswerks Anna Seghers erschienen

Saul K. Padover: „Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45″. Eichborn 1999

Saul K. Padover, ein amerikanischer Offizier, hat 1944/45 den Auftrag, Deutsche im besetzten Reichsgebiet zu interviewen. Er stößt mit den amerikanischen Truppen von Westen immer tiefer ins Reichsgebiet vor und befragt eine große Zahl von Deutschen: überzeugte Nazis, Sozialdemokraten, Adlige, Generäle, Arbeiter, Kommunisten, Katholiken und Protestanten in ihrer ganzen anzunehmenden Vielfalt. Dabei wird für Padover immer deutlicher, dass das sie verbindende „Deutsche“ meist stärker ist als sie trennende Klassenschranken und politische Einstellungen:

„Langsam kam mir der Verdacht, daß ich es nicht mit „Nazis“ oder „Antinazis“ zu tun hatte, sondern mit den Ergebnissen einer tausendjährigen Geschichte, in der es nie einen Jefferson, einen Lincoln oder Mazzini gegeben hatte, einer Geschichte, deren Helden Könige und Feldherren waren.“

Opportunismus und Mitläufertum, gepaart mit dreistem Selbstmitleid sowie Empfindungslosigkeit gegenüber dem Schicksal anderer sind dominante Eigenschaften der Befragten. Selbst Sozialdemokraten und Kommunisten, eingeschworene Gegner der Faschisten also, arbeiten anstandslos und fleißig in den Fabriken, so dass ein Kapitalist stolz berichtet, dass es praktisch keine Sabotageakte gebe. Fast alle sind der Überzeugung, dass Widerstand zwecklos sei, niemand möchte für eine abstrakte Idee wie die der Freiheit sterben. Padover stellt fest, dass die Deutschen bereits auf den nächsten Führer warten.

Der Widerstand, den Padover kennenlernt (der kommunistische und sozialdemokratische war zu diesem Zeitpunkt längst zerschlagen), ist meist läppisch:

„Die Edelweißpiraten, die in mehreren Städten des Rheinlands aktiv sind, beschränken sich darauf, Mitglieder der Hitlerjugend zu verprügeln… Sie folgen dem Führerprinzip und orientieren sich nicht an aufgeklärten politischen Parteien oder Grundsätzen… Die Edelweißpiraten sind nur insofern interessant, als sie der Feind unseres Feindes sind. Unsere Freunde sind sie nicht.“

„Wo ich auch hinkam, suchte ich Hinweise auf Widerstand und erkundigte mich nach Sozialdemokraten und Kommunisten. Doch am Ende fanden weder ich selbst noch andere Leute eine nennenswerte Zahl von Oppositionellen, die offen oder versteckt gegen das Hitlerregime gekämpft hatten, sondern nur erbärmliche Mitläufer. Das allein ist der schlimmste Vorwurf, den man den Deutschen machen kann.“

„Freiheitsliebende Nazigegner haben sich in ihre privaten Nischen, in das innere Exil zurückgezogen und ausländische Sender gehört. Für diese gebrochene Generation gibt es keine Rettung.“

Die Deutschen wissen genug über die Verbrechen von Wehrmacht, SS und Polizei an der Ostfront, um Angst vor dem Einmarsch der Russen zu haben. Auch vor der Befreiung der Zwangsarbeiter hat die Bevölkerung Angst: In Wiesbaden existiert ein schwarzer Markt für Handfeuerwaffen, die von den Bewohnern zu horrenden Preisen gekauft werden, und zwar „zum Schutz vor einem eventuellen Aufstand der Zwangsarbeiter und auch vor fanatischen Nazis.“

Nach seinem Aufenthalt in Buchenwald – eine für Padover sehr bedrückende Erfahrung – ist er kurz vor Kriegsende in Regensburg, wo die Deutschen gut gelaunt ihren Geschäften nachgehen, als sei nichts geschehen:

„In diesem Moment wußte ich, daß ich von Deutschland genug hatte. Sieben Monate lang hatte ich Interviews mit Deutschen geführt, und plötzlich wurde mir klar, daß ich extrem allergisch auf sie reagierte. Seit Buchenwald lagen meine Nerven bloß.“

Kurz vor seiner Rückkehr in die USA schreibt Padover an seine Frau:

„In ihrer Niederlage sind die Deutschen noch isolierter denn je. Sie gehören nicht mehr zur Völkergemeinschaft, sie sind ein ausgestoßenes, beispiellos verfluchtes und gefürchtetes Volk. Erst die nachwachsende Generation von Deutschen kann einen Neubeginn schaffen. Man muß hoffen und beten, daß es ihnen gelingt.“

Padovers Buch, in den USA Ende der 40er Jahre erschienen, gibt es nun endlich in deutschen Buchgeschäften.

Geschrieben von Volker Radke

Dienstag, Dezember 4, 2007 um 11:56

Eine Antwort

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  1. [...] selbst kanzler, minister und landesfürst werden. Ich war vor Jahren geschockt als ich das Buch Lügendetektor Gelesen hab. War lange Zeit in Deutschland verboten und in der deutschen Übersetzung fehlen ein [...]


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