Volker Radke

…bis man ihr das anmerkt

The Great Global Warming Conspiracy

mit einem Kommentar

(Abgedruckt in Jungle World 32/2007)

Klimawandel und Verschwörung

Es ist leicht, sich über „Klimaschützer“ wie Al Gore, Bill Gates und Herbert Grönemeyer lustig zu machen. Wer sich im „Klimastreit“ positionieren möchte, sollte jedoch auch die andere Seite kennen, weshalb ein Blick in die Abgründe der „Klimaskeptiker“-Szene angebracht erscheint.

Dieses Jahr erschien Martin Durkins Film „The Great Global Warming Swindle„, in dem die Theorie der Klimaforscher, die gegenwärtige globale Erwärmung sei durch den Menschen verursacht, als „größter Betrug unserer Zeit“ bezeichnet wird. Klimaforscher und Umweltaktivisten hätten diese Lüge in die Welt gesetzt, um an Forschungsgelder und Förderungen für alternative Energien heranzukommen (natürlich wird das gut belegte Sponsoring der Mehrzahl der im Film interviewten „Klimaskeptiker“ durch die Öl- und Kohleindustrie nicht erwähnt). In Wirklichkeit sei die Sonnenaktivität (die in Wirklichkeit, was der Film verschweigt, gerade in den letzten Jahrzehnten nicht mit der Erwärmung korreliert) die Ursache der gegenwärtigen Erwärmung. Der Film, der auf Grund zahlreicher Fehler und des Rückzugs des Wissenschaftlers Carl Wunsch, der sich von Durkin hinters Licht geführt fühlte, mehrfach nachbearbeitet werden musste, wurde vor allem im Internet schnell populär und ist etwa auf youtube.com zu finden.

Ebenfalls auf Youtube ist zu sehen, wie der australische ABC-Journalist Tony Jones Martin Durkin in einem gut vorbereiteten Interview, in dem er Aussagen des Films mit Erwiderungen von Klimaforschern kontrastierte, sichtlich ins Schwitzen brachte. In der anschließenden Live-Diskussion konnte man staunend beobachten, wie eine Gruppe „klimaskeptischer“ Anhänger der für antisemitische Verschwörungstheorien bekannten LaRouche-Sekte (in Deutschland als „Bürgerrechtsbewegung Solidarität“ bekannt) die Klimaforscher und Umweltschützer auf dem Podium mit abstrusen Vorwürfen überhäuften („This is Hitler’s Nazi race science!“).

Nicht nur die LaRouche-Sekte, sondern auch andere einschlägig bekannte Verschwörungstheoretiker hängen ähnlichen Vorstellungen wie Durkin an. Gerhard Wisnewski (“Steckte Sharon hinter den Anschlägen vom 11. September?” – vgl. Jungle World 32/2003) verteidigt den Film auf seiner Webpage, wofür er auf der Nazi-Webseite Altermedia gelobt wird. Solchen Fantasien ebenfalls nicht abgeneigt ist der Schlagersänger Christian Anders (“Ob Rothschild, Cohn oder Donati, man nennt uns auch Illuminati” – vgl. Jungle World 52/2002), der gleich für sich ins Anspruch nimmt, als Erster den Betrug durchschaut zu haben: „Sogar die Blöd Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung scheinen jetzt begriffen zu haben, dass der Klimaalarm ein einziger großer Schwindel ist. Aber warum erst jetzt? Haben sie bei mir abgeschrieben? Denn ich waren der erste, der in einer Kolumne auf den Schwindel aufmerksam gemacht hat.“ (sprachliche Fehler im Original)

So irre die Vorstellung einer weltweiten Verschwörung von Klimaforschern und Umweltaktivisten auch ist, sie ist gerade im Internet ausgesprochen populär, und es ist erst einmal erklärungsbedürftig, warum LaRouche, Wisnewski, Anders und andere sich auf die Seite der „Klimaskeptiker“ geschlagen haben, ließe sich doch mit etwas mehr Glaubwürdigkeit auch eine Verschwörung der Öl- und Kohlindustrie zurechtzimmern, die sich auf Kosten von Mensch und Umwelt bereichert. Besonders auf dem Nazi-Portal Altermedia fällt dabei auf, dass die „Klimadebatte“ bei entsprechender Kreativität das Zeug hat, antisemitische Bedürfnisse zu befriedigen: „Der hochverehrte World Wildlife Fund (WWF) mit allerlei noch höher verehrten Adeligen und Geldgrößen an der Spitze“, „Spekulation“ mit Emissionspapieren, eine raffgierige Elite von Klimaforschern und Umweltaktivisten im Verbund mit dem Finanzkapital, das hinter den großen Stromkonzernen steht, die am Ende dem einfachen Mann die Strompreise erhöhen – dieser Plot scheint für Menschen mit einem Faible für antisemitische Verschwörungsideen zu funktionieren. Auf jeden Fall erscheint die Gegenüberstellung der verschiedenen Protagonisten der Klimadebatte (die unsympathischen „Klimaretter“ Al Gore und Herbert Grönemeyer vs. „Intellektuelle“ wie Michael Crichton und Joseph H. Reichholf auf der Seite der „Skeptiker“) von Cord Riechelmann in Jungle World 30/2007 reichlich konstruiert.

Der Klimawandel und die Linke

Linke verfügen auf dem Feld der Klimaforschung über keine besondere Expertise. Entsprechend können sie keinen alternativen Beitrag zur Klimaforschung leisten, sondern müssen die Dinge so nehmen, wie sie von der bürgerlichen Wissenschaft geliefert werden. Was sie können, ist über die gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels und des Diskurses über ihn nachzudenken.

Auf der Ebene der Geopolitik ist der Diskurs um den Klimawandel ein Element der Konkurrenz verschiedener kapitalistischer Nationen, Machtblöcke und Interessengruppen. Deutschland, durch die Abwicklung der DDR-Wirtschaft in der günstigen Lage, ab 1990 sinkende CO2-Emissionen aufzuweisen, nutzt die Gelegenheit, die Kyoto-Verweigerer USA auch auf diesem Feld unter Druck zu setzen. Gleichzeitig bieten sich für Deutschland Chancen, seinen technologischen Vorsprung auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien in wachsende Profite und internationale Sympathien auf Kosten der USA umzusetzen. Ähnlich wie im Nahost-Konflikt kann Deutschland sich gegenüber dem „Umweltsünder“ USA als „good guy“ positionieren.

Der Nord-Süd-Konflikt wird durch den Klimawandel weiter verschärft werden – während in „The Great Global Warming Swindle“ behauptet wird, Umweltaktivisten wollten die Afrikaner an der industriellen Entwicklung hindern, unterschlägt der Film, dass Wüstenwachstum, Versteppung und Überschwemmungen vor allem die Bewohner der äquator- und meernahen Entwicklungsländer hart treffen werden.

Stichwort Global Governance: Erneut stellen sich Fragen nach der Regulationsfähigkeit des real existierenden Kapitalismus, die beim Klimawandel deshalb besonders knifflig sind, weil er „zeitverzögert“ stattfindet – die Folgen aktueller Emissionen sind erst Jahre später zu spüren, und entsprechend lang wird es dauern, bis die vom Menschen produzierten Treibhausgase wieder verschwunden sein werden. Noch zu treffende politische Vereinbarungen auf Weltebene müssten über viele Jahre hinweg einigermaßen stabil eingehalten werden. Es müsste effektiv verhindert werden, dass Umweltsünder durch Unterlaufen von Klimaschutzvereinbarungen höhere Profite erzielen können als diejenigen, die sich an die Vorgaben halten. Dies ist in einer Situation, in der „emerging nations“ wie China und Indien sich anschicken, ihre primäre kapitalistische Akkumulation zu vollziehen und dabei ihren Energiebedarf auf möglichst billige Art stillen müssen, kein einfaches Unterfangen. Unmöglich? Wir werden sehen. Die Produktion der die Ozonschicht zerstörenden Fluorkohlenwasserstoffe wurde jedenfalls durch das von mittlerweile 189 Staaten ratifizierte Montrealer Protokoll effektiv reduziert, wenn auch die positiven Folgen erst mit zeitlicher Verzögerung auftreten werden. Freilich war die FCKW-Industrie in ihrer Größe und Bedeutung nicht mit der Öl- und Kohleindustrie zu vergleichen.

Wer sich der Israelsolidarität verpflichtet fühlt, kommt in der Regel nicht um einige schnöde, realpolitische Überlegungen herum. Würde die Nachfrage nach Erdöl auf Grund von Klimaschutzvereinbarungen sinken – was derzeit nicht abzusehen ist – hätte dies zweifellos Folgen für die Situation im Nahen Osten (die natürlich nur positiv wären, wenn sie nicht zu einer weiteren Verbreitung der Kernkraft führten). Thomas Friedman hat in einem Interview mit dem Tagesspiegel völlig zu Recht auf den Zusammenhang zwischen der Abhängigkeit der modernen Industrienationen von Öl und der Lage im Nahen Osten hingewiesen:
„…wir bezahlen die US-Armee, die Navy und die Airforce und den Marinekorps mit unseren Steuergeldern, und wir bezahlen Al Qaida, den Islamischen Dschihad, Iran und Sudan mit unseren Energieeinkäufen. Nun, wie dumm ist das? Wir befinden uns in einem Krieg und wir finanzieren beide Seiten. [...] Als der Ölpreis bei 20 Dollar pro Barrel lag, forderte Iran einen Dialog der Kulturen, nun, bei 70 Dollar pro Barrel, sagt Iran, der Holocaust ist ein Mythos.“ Es erfordert wenig Fantasie sich vorzustellen, dass Israels Lage wesentlich komfortabler wäre, wäre es nur von Feinden umgeben anstatt von Feinden, die durch reiche Ölnationen gesponsort werden.

Auf alle Fälle taugt der Klimawandel nicht für Spekulationen über die Endlichkeit des Kapitalismus. Solange es keine ernstzunehmende Bewegung zu ihrer Überwindung gibt, wird auch eine globale Erwärmung von deutlich mehr als zwei Grad keine ernsthafte Bedrohung für die kapitalistische Gesellschaftsformation darstellen. Ob die Zerstörung überzähligen Kapitals durch Kriege oder durch Umweltkatastrophen vonstatten geht, ist letztlich kein Unterschied ums Ganze. Und wenn Rüstungskeynesianismus funktionieren kann, kann es ein Klimakeynesianismus allemal.

Geschrieben von Volker Radke

Samstag, November 24, 2007 um 5:31

Eine Antwort

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  1. [...] veränderten Planeten führen werden werden, einiges Erhellendes beizutragen (begonnen habe ich hier, hier und hier). Teil dieses Unterfangens muss und wird hoffentlich, as time permits, die Kritik [...]


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