Volker Radke

Der Gesellschaft etwas zurückgeben

Zur Debatte um antideutsche Positionen

(letzte Aktualisierung: 12.11.03)
In jüngster Zeit haben zwei prominente Vertreter der Antideutschen (Wolfgang Pohrt und, verschmerzbarer, Jürgen Elsässer) die antideutsche Position verlassen und sind in Richtung Traditionskommunismus (Elsässer) oder politisches Nirwana (Pohrt) abgewandert. In Internetportalen wie X-Berg oder dem Forum der Frankfurter Gruppe Sinistra fällt auf, dass Personen, die noch vor kurzem antideutsche Positionen verteidigt haben, nun meinen, “die Antideutschen” seien nicht mehr ernst zu nehmen.
Getrennte Demonstrationen verschiedener antideutscher Gruppen wie in Berlin offenbaren Spaltungstendenzen, die zum Teil auch bewusst gefördert werden.

Etliche der inhaltlichen Entwicklungen der letzten Jahre teilt der Autor dieses Textes nicht, und zwar nicht, weil sie “zu antideutsch” sind, sondern im Gegenteil, weil sie eine Aufgabe antideutscher Inhalte bedeuten. “Gegen Deutschland und den Islam” zeigt exemplarisch, dass bei manchen “antideutsch” nur noch die Hälfte des Programms ist.

  • Das neuerliche Bekenntnis zum Eurozentrismus (”Marx als Eurozentrist”) - oder zur “westlichen Zivilisation” ist mit einer antideutschen Position unvereinbar. Der Holocaust fand in Europa statt, unter Beteiligung zahlloser Hilfswilliger fast aller europäischen Nationen, in denen die Deutschen Zugriff auf Juden erlangen konnten. Auschwitz ist ohne den kulturellen Zusammenhang “Europa” undenkbar. Es war auch ein Fehler, die deutsche Beteiligung am Afghanistan-Krieg, die eine weitere Entgrenzung deutscher Möglichkeiten beinhaltete, hinter einer Verteidigung der westlichen Zivilisation verschwinden zu lassen. Antideutsch hieße demgegenüber, dass deutsche Soldaten - die es ohnehin nicht mehr geben dürfte - nirgendwo hinzugehen haben, auch nicht im Namen der Zivilisation oder im Rahmen des “war against terror”.
  • Im Gefolge des 11 Septembers 2001 beging die Konkret-Redaktion einige politische Fehler, die v.a. das Zulassen verschwörungstheoretischer Positionen wie denen von Andreas v. Bülow und eine zuweilen dubiose Haltung zum Antiamerikanismus betreffen (vgl. etwa das Cover von konkret 01/2002, Gremlizas Editorial der selben Ausgabe). Im Gefolge der Kündigung Jürgen Elsässers wurden diese Tendenzen abgemildert, verschwanden jedoch nicht völlig.
  • Das Verhältnis zwischen Antisemitismus und Rassismus ist in manchen antideutschen Kreisen mittlerweile zum Problem geworden: Man scheint nicht mehr über den weiterhin grassierenden, mörderischen Rassismus in Deutschland reden zu wollen, das Thema wird ausgeblendet. Es ist wesentlich, dass der Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus (u.a. Vernichtung vs. Ausbeutung, “jüdische Macht” vs. “Minderwertigkeit”) begriffen wird, ohne dass der Rassismus darüber zur Petitesse wird, wie es am positiven Bezug auf die von rassistischen Stereotypen strotzenden Texte der Oriana Fallaci (die vom “National-Journal” als “Heldin unserer Tage” gefeiert wird) - deutlich wurde. Der Bahamas-Redakteur Sören Punjer geht sogar so weit, zu schreiben: “In Deutschland dagegen ist man von jeher fremdenfreundlich.” Das sieht das komplette deutsche Establishment, etwa Hans-Olaf Henkel und Helmut Kohl, auch so. Dies hat man auch in Bahamas noch 1999 ganz anders beurteilt.
  • Die Thesen vom Antisemitismus als “verkürztem bzw. “falschem” Antikapitalismus (früher: “Sozialismus der dummen Kerls” - Bebel) erzeugen problematische Bilder:
    “Verkürzt” impliziert, dass die Träger des Antisemitismus auf dem richtigen Weg, jedoch irgendwo vor dem Ziel stecken geblieben sind. Damit wären sie besser als die Nicht-Antisemiten, weil sie sich immerhin auf den Weg gemacht haben.[1] “Falscher” Antikapitalismus impliziert Irrtum, über den die Subjekte aufzuklären wären. Antisemiten sind jedoch aufklärungsresistent, wie die meisten Antideutschen an anderen Stellen durchaus wissen. Die verwendeten Begrifflichkeiten sind unglücklich, und der Antikapitalismus von Roland Koch oder Jürgen Möllemann dürfte ohnehin nur schwer nachzuweisen sein.
    Die Bahamas-Redaktion wird höchstwahrscheinlich nie Verständnis für antisemitische Tendenzen etwa in der Antiglobalisierungsbewegung entwickeln. Dort löst man die kognitive Dissonanz, welche das Ideologem des Antisemitismus als “verkürzter” Antikapitalismus mit sich bringt, anders: Jeglicher Antikapitalismus wird neuerdings denunziert, was Justus Wertmüller übrigens noch im Jahr 2000 Günther Jacob vorgeworfen hatte (vgl. Thomas Ebermann, Hedonismus statt Kommunismus? In: Jürgen Elsässer (Hg.), Deutschland führt Krieg, S. 188).
    Wer nach plausibleren Erklärungen sucht, wird bei Shulamit Volkov fündig, die die enorme Flexibilität des Antisemitismus aufzeigt, der keineswegs auf antikapitalistische Momente beschränkt war, sondern vielmehr eine Vielzahl teils widersprüchlicher kultureller Praktiken integrieren und wieder abstoßen konnte (vgl. Buch und Text “Antisemitismus als kultureller Code”).
  • Wolfgang Pohrt spottete zu seinen besseren Zeiten über die Begeisterung, mit der Linke Stücke aus Marxens Lebenswerk herausgreifen und sich daraus eine eigene Theorie zurechtzimmern: “Und kaum ist der Marxismus wieder da, ist er auch schon wieder eine Sekte. Die einen schwören dann auf die Lohnarbeit, die anderen auf die Wertabstraktion, wieder andere nehmen den Staat aufs Korn, manche haben an der produktiven Arbeit einen Narren gefressen. Bei Kurz ist es so, dass er sich für die Ware-Geld-Beziehung entschieden hat.” (Harte Zeiten, S. 159). Wert-, Ideologie- und Staatskritik sind wichtig, aber zur Kritik der deutschen Verhältnisse nicht hinreichend.
  • Einige der Bezüge auf nicht-antideutsche Marxisten sind problematisch. Die staatstheoretischen Überlegegungen von Ulrich Enderwitz haben zum Teil apologetischen Charakter, weil in ihnen handelnde Subjekte, die Entscheidungen treffen, ja überhaupt Wahlmöglichkeiten haben, nicht existent sind. In schlichteren Worten haben unsere Eltern und Großeltern das schon immer gesagt: Man konnte halt nichts machen.
    Moishe Postone hat die deutschen Linken aufgefordert, sich mit dem konkreten Prozess der Vernichtung zu beschäftigen, um die “qualitative Besonderheit” des Holocausts verstehen zu können. Gleichzeitig fehlen auch bei Postone Überlegungen zu Handlungs- und Entscheidungstheorie, bleibt der Text einer Leninschen Wiederspiegelungsvorstellung verhaftet (vgl. Thomas Haury, Antisemitismus von links, S. 27).
    Gegenüber Enderwitz und Postone sollte Daniel Goldhagen stark gemacht werden, der die Wahlmöglichkeiten der Täter hervorhebt und zeigt, dass sie sehr wohl die Möglichkeiten hatten, anders zu handeln.
  • Das aktuelle Propagieren eines utopischen Kommunismus ist inhaltsleer, weil unkonkret und zumindest unbewusst eine Programmierung von Enttäuschung. Antideutsche sollten hier nicht die Fehler stalinistischer und trotzkistischer Kleingruppen wiederholen, die ebenfalls offensiv den Kommunismus fordern, und die niemand mehr ernstnimmt. Dies geht einher mit einer Abwertung der historischen Leistungen der Sowjetunion: Die peinliche Unterwürfigkeit des Bahamas-Redakteurs Justus Wertmüller gegenüber dem Welt-Redakteur Hannes Stein, dem er auf einer Diskussionsveranstaltung zugesteht, der (reale) Kommunismus sei schon vor 1945 “zu 90% eine bekämpfenswerte und abscheuliche Angelegenheit gewesen” (Bahamas 42, S. 53 - polemisch ließe sich sagen, die Nazis haben sich mit dem Bekämpfen immerhin redlich Mühe gegeben) offenbart auch, welche Bedeutung Wertmüller dem Beitrag der Sowjetunion im Sieg über die Deutschen beimisst, der der bei weitem bedeutendste war (die Rote Armee verursachte drei Viertel der deutschen Verluste). An solchen Stellen verschwinden die Unterschiede zum Geschichtsrevisionismus von Robert Kurz völlig. Ohne Zweifel war die Sowjetunion - trotz des Hitler-Stalin-Paktes, und zum Teil aus Notwehr - letzlich die bedeutendste antideutsche Kraft des 20. Jahrhunderts.
  • Die Kampagne “Waffen für Israel” erzeugt den fatalen Eindruck, dass es einigen Antideutschen weniger um die Unterstützung Israels als vielmehr um eine martialische Selbststilisierung geht: Waffen sind das, woran es Israel derzeit am wenigsten fehlt, Engpässe bestehen v.a. im sozialen Bereich. Wer den Israelis nicht vorschreiben möchte, wofür sie das gespendete Geld ausgeben sollen, hat hierfür eine Fülle von Möglichkeiten. Auch der Kauf israelischer Staatsanleihen ist eine plausible Alternative. Hier ersteht eine alte Krankheit linker Solidaritätsbewegungen wieder auf: Mit den von linken Spenden gekauften Waffen in der Hand starben in El Salvador und anderswo andere für die eigenen Ziele, was für metropolitane Linke schon immer bequem war. Es sollte im übrigen selbstverständlich sein, auch die eigene Teilnahme in Erwägung zu ziehen, sobald es nötig wird, statt nur Geld zu schicken. Hier unterscheiden sich die “Kriegsdienstverweiger von der Bahamas” (mp3: Günther Jacob, 2mb) wenig von der Mehrzahl der befreiungsnationalistisch geprägen antiimperialistischen Linken.
  • Das Bekenntnis zur USA sollte in etwa dort enden, wo die amerikanische Solidarität mit Israel und die Blockierung der deutschen Großmachtambitionen an ihre Grenzen stoßen. Durch die Förderung und letzliche Ermöglichung der deutschen Wiederveinigung - zum Zwecke der Zerstörung der Sowjetuion - und ihr Verhalten im Jugoslawienkrieg haben die USA ein erneutes Großdeutschland mitsamt erneuter Kriegsfähigkeit erst wieder denkbar gemacht, und das sich abzeichnende Ende der Bush- wie der Schröder-Administration wird vermutlich eine erneute Kooperation, dann zwischen amerikanischen democrats und deutschen Konservativen nach sich ziehen. Diese These erzwingt übrigens keine Zustimmung zum sonstigen Programm der neoconservatives.Vielleicht wird man in einigen Jahrzehnten auf die Bush-Administration als die US-Regierung blicken, unter welcher der Abstieg der USA begonnen hat.

Daraus folgt: Es gibt verschiedene antideutsche Strömungen, unter denen diejenigen, die der Zeitschrift Bahamas und der Initiative Sozialistisches Forum nahestehen, antideutsche Positionen zum Teil verlassen haben. Die Unterscheidung zwischen “Hardcore-” und “Softcore”-Antideutschen ist ein gelungener publizistischer Coup von Robert Kurz, denn sie findet selbst bei vielen Antideutschen Zustimmung. Die Stilisierung der “Bahamas” als antideutsche Hardliner ist eine interessierte Darstellung sowohl der “Bahamas”-Redaktion selbst als auch der Gegner aller antideutschen Strömungen (Krisis-Gruppe etc.): Ersteren liegt an einem Image als den einzigen “richtigen”, wahrhaft radikalen Antideutschen (Spitze der Bewegung), letztere möchten über die Identifikation von “Antideutsch” mit “Bahamas” die antideutsche Position insgesamt erledigen. Für manche dürfte diese Konstellation einen ohnehin gewünschten Abschied von diesem Label ohne größere Gewissensbisse und ein Wiederaufgehen in der “normalen”, nicht antideutschen Linken überhaupt erst ermöglichen.

Trotz all ihrer Fehler: Antideutsche sind derzeit diejenigen, die die bitter notwendige Israel-Solidarität hauptsächlich tragen, ohne sie gäbe es keine Israelfahnen auf Demonstrationen, ohne sie würde sich kaum jemand den wahnhaften Friedensbewegten entgegenstellen. Mit vielen Inhalten der nichtantideutschen Linken haben Nazis inzwischen kein Problem mehr, antideutsche Inhalte hingegen sind ihren eigenen Interessen diametral entgegengesetzt. Ob Linke sich selbst als Antideutsche definieren oder nicht, ist letztlich zweitrangig. Entscheidend ist, was sie tun. Wer sich nicht als Antideutscher definiert und trotzdem israelsolidarisch handelt (sei es in Texten, Diskussionen oder auf Demonstrationen) arbeitet gegen den deutschen Konsens, und darauf kommt es an.

Anmerkungen:
[1] Konsequenterweise ist der anti-antideutsche Krisentheoretiker Robert Kurz, der auch gerne vom “verkürzten” Antikapitalismus spricht, voller Verständnis für die “jungen Leute”, die halt noch nicht so weit sind mit ihrer Kritik und die (zumindest bevor sie die Flugblätter der Krisis-Gruppe gelesen hatten) unter schlechtem Einfluss standen (man beachte im folgenden die Passivkonstruktionen, welche - wie bei Robert Kurz so oft - die Funktion haben, handelnde Subjekte und damit Verantwortlichkeiten verschwinden zu lassen):
“Die Selbstverständlichkeit, daß aus den kapitalistischen Widersprüchen heraus entstandene soziale Bewegungen erst einmal von einer “verkürzten Kapitalismuskritik” getragen werden, wird so nicht Anlaß zur weitertreibenden theoretischen Kritik, sondern zur schäumenden propagandistischen Denunziation.
[...]
Das Gros der neuen Bewegungen stellen Massen von zumeist sehr jungen Leuten, die weder eine linke noch überhaupt eine “politische” Geschichte hinter sich haben. Sie sind deswegen nicht etwa ideologisch neutral und unberührt, sondern aufgeladen mit den Sozialisationen und medialen Vermittlungen des herrschenden bürgerlichen Bewußtseins, an dessen Bruchlinien sich ihre Opposition entfaltet durch die Erfahrung der schreienden Widersprüche hindurch, wie sie der globalisierte Krisenkapitalismus erzeugt.” (Das Spiel ist aus)

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