Volker Radke

Der Gesellschaft etwas zurückgeben

Zur Geschichte des deutschen Sonderwegs

Hin zu Auschwitz

Zur Präzedenzlosigkeit von Auschwitz

Deutschland nach Auschwitz

Deutscher Nationalcharakter?

Zukunftsaussichten

Anmerkungen

 

“Seit der Gründung des deutschen Reichs 1871, die selbst Resultat eines Angriffskriegs war (Bismarck hatte den, hierin vorbildlich für Goebbels wie Fischer und Scharping, durch Fälschung einer diplomatischen Note in Gang gesetzt), haben die Deutschen zwei Weltkriege und ein Dutzend anders genannter Militärschläge geführt. Kaum ein Land zwischen Nordkap, Namibia und China, dem der Besuch deutscher Soldaten erspart geblieben wäre. In keinem einzigen Fall war Deutschland der angegriffene Staat, und in jedem einzelnen Fall hat es doch die Notwendigkeit reklamiert, sich zu verteidigen: gegen den welschen Erbfeind (Frankreich), das “perfide Albion” (England), die gelbe Gefahr, “Zulukaffern”, zaristische Barbarei bzw. bolschewistische Untermenschen, das Weltjudentum, die amerikanische Plutokratie, die Hitler des Balkan, des Irak, des Hindukusch, die Feinde der Zivilisation bzw. “unserer Art zu leben” (Kanzler Schröder).” (Hermann L. Gremliza/Jürgen Elsässer)

Hin zu Auschwitz

kicked german ass at StalingradZahlreiche Wissenschaftler - etwa Reinhard Kühnl und Norbert Elias, neuerdings Daniel Goldhagen und John Weiss, haben sich die Frage gestellt, ob es so etwas wie einen deutschen Sonderweg gab, der letztendlich zu zwei Weltkriegen und der Vernichtung der europäischen Juden führte. Hätten auch die Eliten in anderen Nationen ihre Bevölkerung dazu motivieren können, einen Ausrottungskrieg gegen alle Juden zu führen, oder existierten in Deutschland Einzigartigkeiten, die seine Eliten und seine Bevölkerung für solche Verbrechen besonders prädestinierten? Die wichtigsten Unterschiede zwischen der Entwicklung Deutschlands und der anderer europäischer Nationen möchte ich hier kurz aufführen, wobei anzumerken ist, dass einzelne dieser Merkmale auch bei anderen europäischen Nationen anzutreffen sind: (0)

  • Die „verspätete Nation” Deutschland ist besonders stark von Nationalismus geprägt, der bereits vor der Gründung des Deutschen Reiches 1871 in hohem Maße mit Antisemitismus verknüpft ist. George L. Mosse schreibt: “Je stärker der Wunsch nach nationaler Einheit wurde, desto brennender wurde das Vorurteil gegen die Juden” (George L. Mosse, Ein Volk, ein Reich, ein Führer). Die „Liebe” zu Deutschland war überaus häufig mit dem Haß auf Juden verbunden, was schon früh bis hin zu Vernichtungswünschen reichte (etwa bei Martin Luther (1) oder bei Johann Gottlieb Fichte (2)). Der völkische-rassistische Nationalismus war in Deutschland lange der Ersatz für die eigene Nation gewesen. Als es die nationale Einheit dann gab, wuchs die Virulenz des Antisemitismus noch erheblich. Die schon zuvor begonnene Auseinandersetzung zwischen liberalen, “philosemitischen” Befürwortern der Emanzipation der Juden und deren Gegnern war im wesentlichen eine zwischen Antisemiten, denn beide Gruppen sahen die Juden als “anders” und moralisch den Deutschen unterlegen an. Die Liberalen hielten die Juden im Gegensatz zu den Konservativen für erziehbar, was sich jedoch gegen Ende des 19. Jahrhunderts änderte: Auch die Liberalen begannen nun, die Juden als “Rasse” zu betrachten , wie es überhaupt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland üblich geworden war, sowohl Deutsche als auch Juden als Rasse wahrzunehmen. Der massive Widerstand gegen die Judenemanzipation, den die Konservativen leisteten, war in anderen westlichen Ländern übrigens ohne Beispiel.
  • Durch die lange Kleinstaaterei und eine damit verbundene stärkere Gefährdung durch mächtige Nachbarstaaten verankerte sich ein starkes Gefühl der Bedrohung durch die Außenwelt bzw. das Ausland, das sich v.a. in Krisensituationen bis zu Paranoia steigern konnte. Eine solche Wahrnehmung der Welt kann sich bei den Eliten wie bei der Bevölkerung in „mentalen Traditionen” oder „mentalen Dispositionen” niederschlagen, die die verursachende historische Konstellation überleben, da sie auch auf andere Situationen übertragen, also generalisiert werden und natürlich auch von intelligent agierenden politischen und ökonomischen Eliten instrumentalisiert werden können. Die „mentale Tradition” erhält eine Eigendynamik, die natürlich nie zu etwas Überhistorischem werden kann - unter anderen Herrschaftverhältnissen, einer anderen Gesellschaftsformation etc. könnten sich diese Haltungen wieder ändern. Dass dies jedoch bis heute nicht geschehen ist, zeigt sich etwa in der wahnhaften Angst vieler Deutschen vor britischem Rindfleisch, afrikanischen Flüchtlingen und Übernahmeversuchen ausländischer Firmen.
  • Die starke Verankerung „preußischer Tugenden” wie Gehorsam, Pflichterfüllung etc. und die historisch gebildete militaristische Gesinnung großer Teile der Bevölkerung ist auch von bürgerlichen Historikern ausführlich dargestellt worden.
  • Stark irrationale Tendenzen, etwa in der deutschen Romantik und im deutschen Idealismus, sind Teil der deutschen Geistesgeschichte und haben ihre Spuren im Denken der Nationalsozialisten (Politiker wie Kapitalisten) hinterlassen.
  • Die besondere Situation des deutschen Kapitals (kaum Kolonien, hohes Wirtschaftswachstum bei fehlenden Absatzmärkten etc.) verursachte einen starken Expansionsdrang verschiedener, exportabhängiger Kapitalfraktionen, ohne den es sicher keinen der beiden Weltkriege gegeben hätte. Diese und andere ökonomische Bedingungen können den Faschismus auch in anderen Nationen wie Italien und die beiden Weltkriege sicher zum guten Teil erklären, tragen aber nur wenig zur Erklärung des Judenmordes bei: Auf andere Länder wie Italien und Japan treffen sie auch zu, diese waren jedoch „nur” faschistisch, aber eben nicht in dem Maße völkermörderisch wie Deutschland.
  • Hierfür sind zum einen die oben beschriebene antisemitische Tradition in Deutschland und zum anderen ein besonderes “deutsches” Verständnis von Kapitalismus, in dem die Produktion (das “schaffende” Kapital) mit den nichtjüdischen Deutschen und die Zirkulationssphäre (das “raffende” Kapital) mit den Juden assoziiert wurden. Von der Auslöschung der Juden erwarteten die Propagandisten dieser Ideologie den Sieg über die Schattenseiten des Kapitalismus und konnten zahllose Anhänger für dieses “deutsche Projekt” begeistern (vgl. Holger Schatz u. Andrea Woeldike, Freiheit und Wahn deutscher Arbeit)
  • Wichtig erscheint mir des weiteren die Tatsache, dass Deutschland - im Gegensatz zu den England und Frankreich - keine erfolgreiche bürgerliche Revolution zustandegebracht hat. Der Adel war bis ins 3. Reich hinein sehr einflussreich, und was noch wichtiger ist, die Freiheitswerte des bürgerlichen Liberalismus konnten keine starke Verankerung in der Bevölkerung finden. Einiges spricht für die These, „daß sich ein selbstbewußtes, seinen Erfolg genießendes Bürgertum in Deutschland einfach nie entwickelt hat. Erst hatten die Bürger Angst vor dem Adel und vor der Krone, dann hatten sie auch schon Angst vor dem Proletariat…” (Wolfgang Pohrt, Das Jahr danach, S. 311). Zwar war auch in Spanien die bürgerliche Emanzipation gescheitert, jedoch hatte Spanien nicht die Macht, einen europaweiten Krieg zu entfesseln - man brachte dort nur einen „normalen” Faschismus zustande. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die fehlende Verankerung bürgerlicher Freiheitswerte die Entwicklung Deutschlands massgeblich beeinflusst hat. Es fällt schwer, sich einen Mussolini oder Hitler in England oder Frankreich vorzustellen - die dortige Bevölkerung hatte nicht das entsprechende Bewusstsein, sprich die erforderliche Bereitschaft zur Unterwerfung, da dort bürgerliche Freiheits- und Gleichheitsswerte im Bewusstsein von Bevölkerung und Eliten eine größere Bedeutung hatten.

Zur Präzedenzlosigkeit von Auschwitz

kicked german ass at Stalingrad“Nach meiner Überzeugung war der Holocaust ein epochales Ereignis in der Geschichte der Menschheit - der extremste Fall eines Völkermordes, den es jemals gegeben hat. Von anderen Völkermorden unterscheidet er sich durch zwei Faktoren: 1. seine Größenordnung und seine angestrebte Vollständigkeit, also die Zielvorstellung, buchstäblich alle jüdischen Männer, Frauen und Kinder, die sich in der Zugriffssphäre des Nazireichs befanden, umzubringen; 2. die angewendeten Mittel, nämlich den Einsatz der administrativen und technischen Ressourcen eines modernen Nationalstaats und einer westlich-wissenschaftlich geprägten Kultur.” (Christopher R. Browning Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter, S. 54)

“Um die volle Bedeutung dessen zu begreifen, was diese Männer taten, müssen wir uns bewußtmachen, daß es sich keineswegs um Individuen handelte, die eigene, besondere moralische Maßstäbe besaßen. Die Bürokraten, die mit dem Vernichtungsprozeß befaßt waren, unterschieden sich in ihrer moralischen Gesinnung nicht vom Rest der Bevölkerung. Der deutsche Täter war kein besonderer Deutscher.” (Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, S. 1079f.)

“Man muß den Tatsachen ins Auge sehen: Die deutsche Politik und Kultur hatte sich bis zu einem Punkt entwickelt, an dem die meisten Deutschen hätten werden können, was eine ungeheure Zahl ganz gewöhnlicher Deutscher tatsächlich wurde: Hitlers willige Vollstrecker.” (Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 531)

“Die Nazis mögen das Konzentrationslager nicht erfunden haben, aber sie haben es auf eine ganz neue Stufe seiner Entwicklung gebracht. Nicht nur der Mord und das Leiden in diesen Höllen sollten uns beschäftigen, sondern auch die ausgefeilte Methodik der Erniedrigung, der Versuch, Menschen zu entmenschlichen, indem selbst ihre elementarsten körperlichen Bedürfnisse kontrolliert wurden. [...] Natürlich geschah das nicht nur gegenüber Juden, aber die Juden standen in dieser Hölle auf der untersten Stufe. (Yehuda Bauer, Die dunkle Seite der Geschichte, S. 320f.)

“Für 40 Prozent der Holocaustopfer brauchte man keine hochentwickelte Technik. Sie starben in den Ghettos an Hunger und Krankheiten, wurden in den Arbeitslagern zu Grunde gerichtet oder kamen gegen Ende des Krieges bei Deportationen ums Leben, die sich in entsetzliche Todesmärsche verwandelten; oder aber sie wurden in Gruben, Gräben und Schluchten mit Maschinengewehren, Gewehren und Revolvern erschossen.” (Robert Wistrich, Hitler und der Holocaust, S. 313)

Bürokratisch geplanter, mit zum Teil industriellen Methoden durchgeführter Massenmord in Verbindung mit dem Versuch, eine bestimmte, durch ihre Herkunft definierte Gruppe von Menschen restlos auszurotten, und dies als “nationales Projekt” unter Beteiligung eines bemerkenswerten Teils der Bevölkerung ist in der bisherigen Menschheitsgeschichte einzigartig. Versuchte Vergleiche mit anderen Völker- und Massenmorden verdeutlichen nur deren radikale Differenz zum Holocaust:

  • Während der Indianerkriege fand im Unterschied zum Holocaust tatsächlich eine Auseinandersetzung um Ressourcen (Siedlungsraum, Bodenschätze) statt, es gab also nennenswerte Interessenkonflikte, und am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Ermordung und Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner beendet, als die letzten widerständigen Gruppen kapitulierten. Im Gegensatz hierzu standen die deutschen Juden niemals in Feindschaft zum deutschen Staat, sondern waren im Gegenteil treue, mehrheitlich auf Assimilierung bedachte Staatsbürger, die ihren Beitrag zum deutschen Wirtschaftsleben leisteten, im I. Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatten. Dennoch sollten sie vollständig ausgerottet werden, und zwar unter Vernachlässigung von Fragen des “ökonomischen Nutzens”, gegenüber dem die Idelogie den Vorrang hatte;
  • Auch der Völkermord an den Armeniern weist gegenüber dem Holocaust wesentliche Unterschiede auf: Er war “primär ein geopolitischer, nicht aber ein ideologischer Kreuzzug, ein Ausdruck von rohem Nationalismus, der sich gegen eine Minderheit richtete, von der man meinte, sie sei im Krieg unloyal gewesen und habe die Entente-Mächte begünstigt. Außerdem wurden die Armenier nie als “Rassen”-Feind bezeichnet, und der Krieg gegen sie blieb streng territorial begrenzt, ohne alle metaphysischen und ontologischen Implikationen. Armenier, die zum Islam konvertierten (um ihr Leben zu retten) wurden verschont. Die Mehrheit der Armenier in Istanbul (200.000 an der Zahl) überlebte, und es gab keinen internationalen Kreuzzug, um Armenier auch jenseits der Grenzen der Türkei wo immer möglich aufzustöbern und zu vernichten. Weder die Türken noch sonst jemand betrachtete die Armenier jemals als teuflische Macht, die die Zivilisation als Ganze bedrohte, und der Mord wurde auch nichts als Selbstzweck geplant.” (Robert Wistrich, Hitler und der Holocaust, S. 330f.);
  • Manchmal behaupten Gegner der „Einzigartigkeitsthese”, dass die beiden Atombombenabwürfe der USA auf Hiroshima und Nagasaki dem Holocaust vergleichbar sind, hier fehlt jedoch der Aspekt des Ausrottungsversuchs - die US-amerikanische Regierung hatte bestimmt nicht vor, alle Japaner zu töten und die USA befanden sich tatsächlich im Krieg mit Japan, handelten also, wenn auch auf grausame Art und Weise, zweckrational. Auch das Interesse, die neu entwickelten Atomwaffen zu testen, spielte eine große Rolle bei der Entscheidung, Hiroshima und Nagasaki zu zerstören;
  • In den sowjetischen Gulags, die Zwangsarbeitslager mit einer hohen Todesrate, jedoch keine Vernichtungslager waren, ging es nicht um die “Ausrottung” einer bestimmten, ethnisch definierten Bevölkerungsgruppe, auch kann man die dort verwendeten Methoden kaum als “industriell” bezeichnen. Neben ihrer Bedeutung im Kampf gegen als Feinde definierte Sowjetbürger leisteten die Gulags auch (wertfrei gemeint) nennenswerte Beiträge zur sowjetischen Ökonomie, was für die deutschen Vernichtungslager nicht galt.

Die Zahl der Beteiligten am Holocaust ist weit höher als es die meisten vermuten: Nach Goldhagen waren mehr als 100.000, möglicherweise sogar mehr als 500.000 Deutsche an der Ermordung der Juden beteiligt. Die Zahl der Täter war nicht noch höher aus dem einfachen Grund, dass nicht mehr Mörder gebraucht wurden. Die Deutschen suchten die Juden in ganz Europa, um sie umzubringen (was nicht heißt, dass sie deshalb den Krieg begannen), und gaben sich noch, als die Niederlage längst feststand, große Mühe, so viele Juden wie möglich zu töten (etwa auf den „Todesmärschen”).

Eine Zeitlang hielt sich die Meinung, man sei bei der Ermordung der Juden streng rational und nur nach Befehl vorgegangen. Heute wissen jedoch alle, die es wissen wollen, dass dies nur für die bürokratischen Planer des Judenmords - das klassische Beispiel hierfür ist Eichmann - zutrifft. Die physischen Vollstrecker der Judenvernichtung - SS, Wehrmacht und Polizeidienste sowie das Personal in KZ’s und Vernichtungslagern - sind in unendlich vielen Fällen extrem grausam vorgegangen, ohne von Vorgesetzten dazu genötigt worden zu sein (vgl. etwa die Zeugnisse der Überlebenden auf dieser Webpage). Sie taten dies also oft freiwillig und töteten zahllose Menschen, die noch als Arbeitskräfte hätten „verwertet” werden können, was ein Beleg für die Grenzen der ökonomischen Rationalität des Judenmordes ist.

Deutschland nach Auschwitz

kicked german ass at StalingradWie bestraft man eine Nation, deren Angehörige zwei Weltkriege begonnen haben, über 60 Millionen Menschen sowie die Verwüstung und Ausplünderung eines ganzen Kontinents auf dem Gewissen haben, die die extremste vorstellbare Form des Völkermordes begangen haben, und die sich damit so weit von allen anderen „zivilisierten” Nationen entfernt haben, dass Hoffnung auf eine Besserung der Täter nur auf eine Verhöhnung der Opfer hinauslaufen kann?

Nach dem II. Weltkrieg war der kulturelle und politische Zusammenhang Deutschland so delegitimiert, dass die Alliierten durchaus einen Schlussstrich hätten ziehen können, was jedoch - v.a. auf Grund der sich abzeichnenden Blockkonfrontation - nicht geschah. Statt dessen verlor Deutschland nach dem I. Weltkrieg abermals einige Gebiete und wurde geteilt.

In der DDR gab man sich z.T. redlich Mühe, mit dem Erbe des III. Reichs umzugehen: man enteignete alle deutschen Kapitalisten, derer man habhaft werden konnte, brachte einen Teil der deutschen Industrieanlagen in die verwüstete Sowjetunion, bestrafte die bekannten und erreichbaren Kriegsverbrecher und versuchte eine Gesellschaftsordnung zu schaffen, die eine Wiederholung des Faschismus unmöglich machen würde. Dazu brauchte man die Bevölkerung, die deshalb allzu schnell „entnazifiziert” wurde. Den DDR-Bürgern wurde das Angebot gemacht, sich als Opfer des Faschismus zu fühlen, was den vielen Mitläufern sicher moralische Erleichterung verschaffte, ihnen jedoch die für die Beschäftigung mit den eigenen Taten und Unterlassungen nötige Motivation nahm. Auch hielt man es nicht für nötig, Reparationen an den Staat Israel (weil kein eigenständiger Staat, sondern “imperialistische Speerspitze der USA”) zu zahlen, sondern unterstützte jene arabischen Staaten, die Israel als ihren Todfeind betrachteten (2b). Nach dem Ende der DDR stellte sich dann heraus, dass die Mehrzahl der Zonenbewohner die DDR für die Strafe gehalten hatte.

In der BRD begannen die westlichen Alliierten mit der Anklage und Verurteilung der Kriegsverbrecher, brachen dieses jedoch vorzeitig ab, als die politische Lage sich änderte: Westdeutschland wurde in der Systemauseinandersetzung mit dem kommunistischen Ostblock gebraucht, so dass die alten faschistischen Eliten eine neue Chance erhielten. Somit konnte die Mehrzahl der Nazi-Kapitalisten ihr durch Massenmord, Plünderung und Arisierung erworbenes Vermögen behalten, das dann zum Grundstock des westdeutschen Nachkriegsaufschwungs wurde. Dieser Vorgang ist historisch wohl einzigartig: Eine Nation, die einen ganzen Kontinent mit einem Angriffs- und Vernichtungskrieg überzogen hat, wird von ihren Gegnern nicht bestraft, sondern vielmehr wiederaufgebaut!

Es ist schwer vorherzusagen, was dieser Schritt die Welt noch kosten wird. Wir können jedoch ahnen, was der Wiederaufbau Deutschlands und die Nichtverfolgung zahlloser Verbrechen im Bewusstsein der Deutschen bewirkt hat. Statt der Bestrafung der Täter und Entschädigung der Opfer ließ man zu, dass mit Hilfe des durch Mord, Plünderung und Sklavenarbeit akkumulierten Vermögens plus Marshallplan ein Wirschaftswunder stattfand, das auch die Angehörigen zivilisierterer Nationen als Deutschland auf dumme Gedanken gebracht hätte.

Was passiert mit Menschen, die für ihre Verbrechen nicht bestraft werden, sondern im Gegenteil mit dem dabei erworbenen Kapital noch weiterarbeiten können?

Meine These ist, dass sich hierdurch im Unbewussten (bei den überzeugten Rechten auch im Bewusstsein) zahlreicher Deutscher Überzeugungen bildeten, die - in vielen Variationen - etwa folgenden Inhalt haben: „Man kann diese Dinge (millionenfachen Mord, das Führen von Weltkriegen) tun und wird dafür nur gering bestraft bzw. sogar belohnt”; „Da die Bestrafung so milde ausfiel und wir heute wieder so gut dastehen, kann das, was wir getan haben, nicht so schlimm gewesen sein”; „Wenn wir nicht wirklich bestraft werden, dann deshalb, weil man uns (etwa im Bezug auf Juden, „Untermenschen”, die besondere „Größe” Deutschlands) im Grunde zustimmt”

Natürlich waren die deutsche Teilung, der Verlust von Gebieten und die Bestrafung zumindest eines Teils der Kriegsverbrecher ein - allzu schnell abgebrochener - Versuch der Bestrafung und der Eliminierung der deutschen Gefahr, der jedoch in keinem Verhältnis zu Art und Ausmaß der deutschen Verbrechen stand: Die westdeutsche Ökonomie war am Ende des Krieges moderner und produktiver als vor seinem Beginn, und auf dieser Basis sowie mit Hilfe des Marshallplans konnte neu akkumuliert werden.

Bewusste und unbewusste Überzeugungen können unter bestimmten Bedingungen zu konkretem Verhalten führen, unter anderen nicht. Manchmal sind sie so gut versteckt, dass man sie kaum findet. Vor 1989 waren weite Teile der Linken davon überzeugt, dass es mit den Großmachtambitionen Deutschlands vorbei sei (3). Seit dem Anschluss der DDR hat sich die deutsche Außenpolitik jedoch dramatisch verändert. Wir können heute deutlich sehen, dass die bundesdeutschen Eliten auf die Möglichkeit hingearbeitet haben, wieder Krieg führen zu können.

Sicher wusste Joschka Fischer etwa 1994 nicht, dass er dies tat. Es erscheint jedoch wahrscheinlich, dass er mit seinem schrittweisen Abfall vom Pazifismus (wegen Auschwitz haben deutsche Soldaten in Jugoslawien nichts zu suchen) hin zum Bellizismus (wegen Auschwitz müssen deutsche Soldaten in Jugoslawien eingreifen) unbewussten “Skripten” folgte, die nicht nur in ihm, sondern auch in vielen anderen Deutschen existieren und dabei nur so stark auf das aktuelle Verhalten einwirken, wie es die Umstände gerade erlauben: 1994 war die Welt, insbesondere Europa, noch nicht soweit, deutsche Soldaten in Kriegseinsätzen zu akzeptieren, und auch die eigene Bevölkerung stand dem ablehnend gegenüber. Durch die schrittweise Veränderung von SPD und Grünen konnte ein großer Teil der Bevölkerung in die neuen Verhältnisse integriert und auf weiteres vorbereitet werden. Auch die anderen NATO-Mitgliedsstaaten waren 1999 dazu bereit, deutsche Soldaten als Kriegsteilnehmer zu akzeptieren. Dies hängt wohl zum Teil damit zusammen, dass immer weniger Opfer des II. Weltkriegs leben und die Erinnerung an den Holocaust zunehmend vermittelter wird, dabei an affektiver Ladung einbüßt und “leer” wird. Letzten Endes aber bleibt unklar, was die Welt dazu bewegt, die Deutschen so schnell wieder „von der Leine zu lassen” (Wolfgang Pohrt).

Deutscher Nationalcharakter?

kicked german ass at StalingradMit dem Anschluss der DDR an die BRD und dem Ende der sozialistischen Herrschaft in der Sowjetunion endete die Nachkriegszeit. Deutschland kehrte als Akteur in die Weltpolitik zurück und seine Eliten nutzen seitdem die neue Situation, um Schritt für Schritt alle Fesseln der Vergangenheit abzulegen. Damit hat sich die Entwicklung des deutschen Massenbewusstseins zurück zum “Eigentlichen”, das Deutsch sein ausmachenden, das spätestens mit der Renationalisierung der öffentlichen Diskurse in den 80er Jahren begonnen hatte, erheblich beschleunigt.

Der Soziologe Wolfgang Pohrt stellte bereits 1990 die folgende Kombination von Eigenschaften an einer Vielzahl der von ihm befragten Deutschen fest:

  1. Es gibt nach wie vor starke autoritäre Dispositionen (Sehnsucht nach einer starken Führungspersönlichkeit, Ablehnung von Freiheitswerten etc.);
  2. Man findet eine starke Bereitschaft zu pathischer Projektion: Eigene negative Eigenschaften werden auf andere projiziert und als Bedrohung empfunden, was zu paranoiden Wahrnehmungen etwa des Auslandes führt;
  3. Die Fähigkeit, eigene Verbrechen und Missetaten unentwegt zu erklären, zu entschuldigen und zu rationalisieren, ist stark ausgeprägt - die Landsleute sind natürlich gut in Übung, da sie u.a. zwei Weltkriege wegzurechtfertigen hatten, und somit darauf eingerichtet, Ähnliches bei Bedarf wieder tun zu können;
  4. Laut Pohrt kann man zudem „auf eine antizivilisatorische, antidemokratische Überzeugung schließen, deren unerhörte Einhelligkeit ferner die ungebrochene Neigung zur freiwilligen Selbstgleichschaltung verrät, den Hang, sich unbekümmert um die eigenen Erfahrungen und die eigene Interessenlage zum Sprachrohr der jeweils gerade gängigen Parolen zu machen.” („Der Weg zur inneren Einheit”, S. 270)

Zukunftsaussichten

kicked german ass at StalingradAus all dem folgt natürlich nicht, dass die Deutschen zielstrebig ein neues Auschwitz bzw. neue Weltkriege vorbereiten. Aber: Wir wissen nicht, wozu die Deutschen heute fähig wären, hätten sie die Möglichkeit dazu. Schon jetzt wird deutlich, dass Deutschland

  • innerhalb der EU die ökonomisch und politisch vorherrschende Macht ist. Osteuropa wird zunehmend der Hinterhof Deutschlands, so wie Lateinamerika der Hinterhof der USA ist;
  • Schritt für Schritt seine militärische Handlungsfähigkeit erweitert:
    1. Beim 2. Golf-Krieg 1991 war Deutschland noch auf die finanzielle Unterstützung der Allianz gegen Saddam Hussein beschränkt;
    2. Der Kosovo-Krieg 1999 brachte einen Durchbruch dahingehend, dass Deutschland einen wesentlichen, nun auch militärischen Beitrag in einem Angriffskrieg gegen eine souveräne Nation leistete, an deren Zerschlagung die deutsche Außenpolitik einen maßgeblichen Anteil hatte. Legitimiert wurde die deutsche Beteiligung damals noch mit dem Argument einer “besonderen deutschen Verantwortung”, die sich aus Auschwitz ergebe;
    3. Das Hemmnis, die deutsche Vergangenheit als Begründung für Kriegseinsätze heranziehen zu müssen, wurde mit dem Krieg in Afghanistan überwunden. Deutschland nahm im Zuge des “war against terror” an der Zerschlagung der dortigen Al-Quaeda-Strukturen teil und konnte zur Legitimation dieses Einsatzes auf die Solidarität mit den USA verweisen. Der Gegner Afghanistan war jedoch keiner, den die Deutschen sich aussuchen konnten, denn das Ziel war von den USA festgelegt worden;
    4. Im Vorfeld und während des Krieges gegen den Irak stellt sich Deutschland erstmals offen gegen die USA: Die deutsche Industrie (etwa der BDI) wollte an die guten Kontakte mit dem irakischen Diktator Hussein aus den 80er Jahren anknüpfen, als man unter anderem das Giftgas lieferte, mit dem zehntausende von irakischen Kurden ermordet wurden. Auch wenn derzeit noch nicht sicher ist, ob Deutschland bei dieser Haltung bleiben wird, könnten wir im Jahr 2003 den Beginn eines offenen weltpolitischen Konfliktes zwischen der EU und und den USA erleben, wenn auch noch nicht im militärischen Bereich, da die EU hier noch nicht konkurrenzfähig ist, v.a. was die Fähigkeit betrifft, Auslandseinsätze überall in der Welt ohne amerikanische Hilfe durchzuführen.
  • anscheinend seine nach dem I. Weltkrieg begonnene und unter Hitler etwa in der Tschechoslowakei betriebene “Volksgruppenpolitik” wieder aufgenommen hat. Dass Deutschland - mit Österreich - als erstes Land Slowenien und Kroatien anerkannt hat, ist kein Zufall, sondern nur ein herausragendes Beispiel von vielen für eine teils offene, teils verdeckt betriebene Förderung von völkischen und Sezessionsbewegungen besonders, aber nicht nur in Ost- und Südosteuropa. Jugoslawien war das erste Opfer deutscher Bestrebungen, Nationalstaaten in völkisch organisierte Kleinstaaten zu zerschlagen, andere werden vermutlich folgen (4).
  • generell bemüht ist, die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs Schritt für Schritt rückgängig zu machen. Die beiden wichtigsten Staatsgründungen, die eine Reaktion auf die deutschen Verbrechen darstellten, waren die der DDR und Israel. Die DDR ist Geschichte, und das aktuelle Engagement der Deutschen im Nahen Osten könnte auf längere Sicht dorthin führen, Israel Schritt für Schritt seine Unabhängigkeit zu nehmen und es unter internationale Aufsicht zu stellen, was möglicherweise zu seiner (natürlich nicht intendierten, aber doch faktischen) Zerstörung führen würde. Schon Jahre vor dem derzeitigen Einsatz deutscher Marineeinheiten vor der Küste des Libanons - scheinbar mit dem Ziel der Unterstützung Israels, die jedoch faktisch zu einer Wiederaufrüstung der Hisbollah führen wird - wurde in der deutschen Presse eine Debatte über die Möglichkeit einer Beteiligung von deutschen Soldaten an einer “UN-Friedenstruppe” geführt. Diese Debatte verlief ähnlich wie die über den Einsatz deutscher Soldaten in Jugoslawien: Zuerst war praktisch jeder dagegen (aus “historischen Gründen”), nun ist aufgrund der “besonderen historischen Verantwortung der Deutschen”, gerade im Hinblick auf den Holocaust, praktisch jeder in der politischen Sphäre dafür.

Weiter in die Zukunft reichende Prognosen sind - generell, also auch hier - schwierig. Viel hängt vom Verhalten des Auslands - v.a. der USA, auch der anderen europäischen Staaten - ab. Vielleicht ist man wenigstens dort in der Lage, aus der Geschichte zu lernen und im Falle des Falles dem neuen alten Deutschland Grenzen zu setzen. Genauso ist zu hoffen, dass sich Israel erfolgreicher als Jugoslawien gegen Versuche verwahren wird, seine staatliche Verfasstheit zu unterminieren.

Das Fehlen einer interventionsfähigen deutsch-europäischen Armee ist derzeit ein Hemmnis für allzu aggressives Auftreten, so dass für Deutschland derzeit etwa ein instrumentelles Verhältnis zu Menschenrechtsfragen und das Streben nach Einfluss gerade in Regionen, in denen die USA verhasst sind (etwa im Nahen und Mittleren Osten), plausiblere Optionen in der imperialen Konkurrenz mit den USA darstellen. Hinzu scheint ein Bestreben zu kommen, den USA im Bündnis mit anderen Nationen auf politischem Wege die Möglichkeit zu nehmen, ihren größten Trumpf, nämlich ihre derzeit konkurrenzlose Armee, auszuspielen. Aktuell stoßen die USA im Irak bereits an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, eine weitere Intervention gegen den, gerade für Israel, weit gefährlicheren Iran scheint derzeit kaum denkbar.

Es kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass in Deutschland irgendwann einmal nennenswerter Widerstand gegen erneute Großmachtambitionen entstehen wird, jedoch geben die Erfahrungen der Antikriegsbewegung während des Kosovokrieges und später wenig Anlass zu einer solchen Hoffnung. Derzeit ist offensichtlich, dass eine deutsche Friedensbewegung sich vor allem gegen die imperialistische Konkurrenz durch die USA, nicht jedoch gegen deutsche Kriege formieren wird.

Anmerkungen

(0) Hierzu eine Vorbemerkung: Schwierigkeit solcher Erklärungen ist immer, den tatsächlichen geschichtlichen Verlauf nicht als zwangsläufiges Resultat früherer Ereignisse, Dispositionen, “des Wertgesetzes” etc. darzustellen, da dies auf eine Entlastung der späteren Täter hinausliefe, die Menschen mit Entscheidungsfreiräumen waren, und die in der Mehrzahl der Fälle das tun wollten, was sie taten. Die deutsche Vorgeschichte setzte Wahrscheinlichkeiten für die Katastrophe, die folgen sollte, letztere ergab sich jedoch nicht zwangsläufig aus ersterer. Sie hätte zu vielen Zeitpunkten verhindert werden können, hätte es entschlossene Gegenkräfte gegeben. Auf sie in Deutschland zu setzen, hat sich jedoch nocht immer als Illusion erwiesen.

(1) »Man soll erstens ihre Synagogen verbrennen und dem Erdboden gleichmachen, zweitens ihre Häuser zerstören und sie wie die Zigeuner unter Dächer und Ställe tun …, damit wir Deutschen in geschichtlicher Begründung auch wissen möchten, was ein Jude sei, unser Christentum vor ihnen als dem Teufel selbst zu warnen.« (Martin Luther, „Tischreden”)

(2) »Aber ihnen die Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch keine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen das gelobte Land zu erobern, und sie alle dorthin zu schicken.« (Johann, Gottlieb Fichte, zitiert nach Otto Köhler „Unter Deutschen” in konkret 10/96)

(2b) Ich möchte nicht unterstellen, dass der ausschlaggebende Grund hierfür Antisemitismus gewesen ist. Laut Angelika Timm war die Israelpolitik der DDR nur bis zu Stalins Tod antisemitisch geprägt. Was bis zuletzt blieb, war jedoch die Unfähigkeit der DDR-Führung, den Staat Israel als Ergebnis der Judenvernichtung zu begreifen. “Andererseits hat die SED seit Ende der sechziger Jahre versucht, extremistische Politiker in den arabischen Staaten und in der PLO, die sich für die Zerstörung Israels aussprachen, zu beschwichtigen oder zu isolieren”(Angelika Timm). Allerdings muss auch darauf hingewiesen werden, dass die DDR noch 1988 einen Staat “Palästina” anerkannte - zwei Jahre vor der Sowjetunion.

(3) Wir wissen allerdings heute, dass es in der BRD seit Anfang der 50er Jahre Planungen für eine Wiedervereinigung gegeben hat, die sich zum Teil verblüffend mit dem decken, was später tatsächlich gemacht wurde (vgl. etwa Karl Heinz Roth “Anschließen Angleichen Abwickeln. Die westdeutschen Planungen für die Übernahme der DDR 1952-1990″)

(4)vgl. hierzu: Walter von Goldendach u.a.: Von Krieg zu Krieg. Die deutsche Außenpolitik und die ethnische Parzellierung Europas.

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